reflektive

Schauen wir in den Spiegel!

Studien über unsere kollektive Zeitverwendung erzählen eine Geschichte über die Struktur unserer Gesellschaft: Wie sind wir getaktet? Wann arbeiten wir? Wie verbringen wir unsere Freizeit? Wann haben wir Zeit für Beziehungen? Der Vergleich zwischen Zeitreihen oder auch mit anderen Ländern macht deutlich, wie sehr gesellschaftliche und politische Entwicklungen verzahnt sind. Daraus könnte die österreichische Politik lernen und Schlüsse ziehen, weit mehr als sie dies bisher getan hat.

reflektive hat sich in den letzten Wochen in einer Artikelserie mit den Grundlagen der Zeiterhebung, mit der Verteilung von Schlaf, Arbeit, Familien- und Hausarbeit in Österreich auseinandergesetzt und die ungleiche Verteilung zwischen Frauen und Männern in der Arbeit, Kinderbetreuung und im Haushalt zur Diskussion gestellt. Der letzte Teil der Serie stellt einen Ausblick und die Bereiche der weiteren (politischen) Nutzung der Zeitverwendungserkenntnisse dar und greift aktuelle Aspekte einer UNO-Statistik-Konferenz von Anfang März in New York auf.

Österreich im Vergleich – Ergebnisse werden heuer noch veröffentlicht

Unbezahlte Arbeit, Familienarbeit und Hausarbeit ist in Österreich zwischen Männern und Frauen vom Zeitaufwand ungleich verteilt. Nur Zeitverwendungserhebungen ermöglichen diese Erkenntnisse in dieser Systematik. Die Politik ist nicht nur Rezipientin der Studien, sondern auch Auftraggeberin. Ohne Auftrag an die nationale Statistikbehörde gibt es keine Erhebung. Auf der UNO-Statistik-Konferenz empfahl eine Sprecherin der finnischen statischen Behörde, zur Steigerung der politischen Bedeutung mehrere Ministerien als Auftraggeber für Zeitverwendungsstudien zu gewinnen. In Österreich hat zweimal das Familienministerium (1981, 1992) und einmal das Frauenministerium (2008/9) eine Zeitverwendungsstudie in Auftrag gegeben.

Alle zehn Jahre gibt es eine „europäische Welle“ an Zeitverwendungsstudien. Österreich ließ eine Erhebungswelle (2000) unter Schwarz-Blau I aus, weshalb es auch im letzten verfügbaren Datenvergleich fehlt. Streng genommen war die österreichische Erhebung 2008/9 für die nächste Welle (2010) etwas zu früh dran. Eurostat nahm die Daten aber dennoch in den Europäischen Kanon auf. Bislang gibt es einzelne Länderberichte. Alle nationalen Statistikbehörden harmonisierten ihre Daten in einem aufwendigen Verfahren nach den Richtlinien des EU-Statistikamtes Eurostat und stellten sie Eurostat zur Verfügung. Einen systematischen Vergleich gibt es noch nicht. Ergebnisse werden im Frühjahr/Sommer 2018 erwartet.

Eine erste grobe Einschätzung vorab gibt es aber schon: Österreich dürfte mehr Gemeinsamkeiten mit den traditionellen mittel- und südeuropäischen Ländern haben, als mit Skandinavien. Skandinavische Länder sind in der Zeitverwendung gleichberechtigter aufgestellt. Zwischen Frauen und Männern ist die Zeit für Erwerbstätigkeit, für Kinderbetreuung oder Haushaltstätigkeiten partnerschaftlicher verteilt, als in südeuropäischen Ländern. Das ist kein Zufall, sondern auch Ergebnis gleichstellungsorientierter Politik. Auf der UNO-Statistikkonferenz wies die Chefstatistikerin der OECD auf die immer wichtiger werdende Verknüpfung von Genderstatistiken und Zeitverwendungsdaten hin.

Methodischer Umgang mit Gleichzeitigkeiten – gleichzeitig aber nicht gleichwertig

Zeitverwendungsstudien halten Gesellschaften einen Spiegel vor. Es ist anzunehmen, dass sich seit der letzten Erhebung von 2008/2009  unsere Art und Weise, mit Zeit umzugehen, auf Grund der dauernden Verfügbarkeit digitaler Medien massiv und über alle Lebensbereiche hinweg verändert hat. Das betrifft die Zeit, in der wir arbeiten, aber auch die Art, wie wir essen oder konsumieren: viele Tätigkeiten finden inzwischen gleichzeitig und daher nebeneinander und auch in kürzerer Zeit statt. Tätigkeiten werden somit verdichtet. Ein Blick in einen U-Bahn Wagen veranschaulicht, wozu eine Wegzeit dienen kann: um Arbeitsmails zu schreiben, Videos zu schauen, Spiele zu spielen oder Online-Bestellungen aufzugeben, aber etwa auch, um zu essen. Auch unser Arbeitsalltag ist im Vergleich zu früher schneller und störungsanfälliger geworden.

Während manche Länder in ihren Zeitstudien immer schon neben der Haupttätigkeit zwei Nebentätigkeiten erfassten, hielten die drei Studien aus Österreich bislang immer nur eine Nebentätigkeit fest. Doch gerade die Nebentätigkeiten vervollständigen das Bild unserer Zeitverwendung. Auf der UNO-Statistik-Konferenz wies eine Rednerin der Weltbank auf die Bedeutung der Nebentätigkeiten hin: Auf erstem Blick sei Kinderbetreuung wenig zu finden. Erst durch die Betrachtung von Nebentätigkeiten wird diese überhaupt sichtbar. Denn Mütter nehmen viele andere Tätigkeiten neben spielenden oder Hausaufgabenmachenden Kindern ein. Gerade um den gesellschaftlichen Beitrag von Frauen sichtbar zu machen, braucht es eine passende Erfassung der Nebentätigkeiten. Das Statement einer Sprecherin einer UNO Foundation für Genderstatistik (Data2X) auf der UN-Konferenz unterstreicht diesen Aspekt: Nur durch Zeitverwendungsdaten lässt sich ein Gesamtblick auf das Ausmaß unbezahlter Arbeit erschließen.

In einem geförderten Eurostat-Projekt hat die Statistik Austria eine mobile App (Prototyp) entwickelt, die die Erfassung mit paper und pencil ablöst und nutzerInnenfreundlicher als das bisherige Erfassungssystem ist; gleichzeitig können nun auch zwei Nebentätigkeiten erfasst werden. Die TeilnehmerInnen, die bei der Zeitverwendungserfassung mitmachen, entscheiden wie schon bisher selbst, welche Tätigkeiten als Haupt- und welche als Nebentätigkeiten erfasst werden. Doch diese Unterscheidung wird immer schwieriger zu treffen.

Durch die Verdichtung von Arbeitsprozessen und die Entgrenzung von Arbeit und Freizeit ist dies für Statistikbehörden umso mehr eine wichtige Aufgabe. Zeitverwendungsstudien sind zukünftig gefordert, die Balance in der NutzerInnenfreundlichkeit des Erhebungsinstruments zu finden, um auch die Zeitrealitäten adäquat abzubilden. Wer hat heute nur Tätigkeiten, die er 10 oder 15 Minuten durchgehend ausübt? Ab einer zu großen Zahl an Tätigkeiten wird es aber mit der Auswertung und auch mit der Vergleichbarkeit der Tätigkeitskategorien schwierig. Eine gleichwertige Erfassung der Tätigkeiten ist ohnehin problematisch, weil dann der einzelne Tag in Summe mehr als 24 Stunden bekommt und das sowohl methodisch als auch kommunikativ schwer transportierbar ist. Die gefühlte Verdichtung steht also der Zeitmessung von anno dazumal entgegen.

Nutzung der Zeitverwendungsdaten für weitere Forschungs- und Politikbereiche

Die letzte Verknüpfung mit den Daten der österreichischen Zeitverwendungsstudie erfolgte im Rahmen einer Kooperation zwischen der Statistik Austria und der Wirtschaftsuniversität Wien. In diesem Projekt wurden die Zeitverwendungs-Daten mit Lohnsteuerdaten verknüpft und der Frage nachgegangen, wie Paare, die gemeinsam in einem Haushalt leben, ihre Zeit für Erwerbsarbeit, Haushalt und Kinderbetreuung teilen. Veröffentlichte Ergebnisse gibt es derzeit noch keine.

Während in anderen Ländern regelmäßig die Daten der Zeitverwendung für die volkswirtschaftliche Bewertung von unbezahlter Arbeit herangezogen wurden, steht dies für die Erhebung von 2008/9 in Österreich noch aus. Bislang gibt es nur eine Monetarisierungsstudie aus der Mitte der 1990iger Jahre. Die Statistik Austria braucht nämlich immer einen politischen (oder auch gesetzlichen) Auftrag, um Erhebungen oder vertiefende Untersuchen durchzuführen. Und den Auftrag zu einer dringend notwendigen Monetarisierungsstudie hat sie von der Politik nicht erhalten.

In Deutschland hat die Sachverständigenkommission, die einmal pro Gesetzgebungsperiode einen Bericht zur Lage der Gleichstellung an die Bundesregierung vorlegt, auf Basis der Zeitverwendungsstudien ein Gender Care Gap als ergänzenden Indikator vorgeschlagen und berechnet. Care umfasst dabei Pflege- und Betreuungstätigkeiten. Der Gender Care Gap in Deutschland liegt bei 52,4%. Frauen erledigen demnach ungefähr eineinhalb Mal so viel unbezahlte Sorgearbeit, wie Männer – in absoluten Zahlen ausgedrückt sind das täglich im Durchschnitt 87 Minuten mehr. Der größte Gender Care Gap (110,6 %) wurde im Alter von 34 Jahren festgestellt: hier leisten Frauen durchschnittlich 5 Stunden und 18 Minuten Care-Arbeit täglich, Männer dagegen nur 2 Stunden und 31 Minuten.

Auch außerhalb Europas werden Zeitverwendungsdaten für die Politik nutzbar gemacht:  Kolumbien etwa nutzt seit 2012 die Zeitverwendungsstatistiken, um die Entwicklung der unbezahlten Arbeit systematisch zu beobachten und sozialpolitische Maßnahmen zu evaluieren.

 

Zeitverwendungsdaten sind kostbar: für die mögliche Weiterverwendung und Verknüpfung mit anderen Erhebungen, aber auch für die Politik zur systematischen Beobachtung verschiedenster Politikfelder. Die Bereitschaft, in den gesellschaftlichen Spiegel zu schauen, ist dafür Voraussetzung.

 

Dank an Somi Ghassemi-Bönisch von der Statistik Austria für das Hintergrundgespräch.

Du findest unabhängige, gut recherchierte Inhalte wichtig? Dann unterstütze uns mit einer Spende auf PATREON.

Anna Schopf

Kommentar

  • […] Weiters gilt es zu beachten, dass sich innerhalb der letzten zehn Jahren die Zeitverwendung der Menschen durch die Digitalisierung komplett verändert hat – Stichwort Nebentätigkeiten. Wir fahren heutzutage nicht einfach zur Arbeit: in der selben Zeit sind wir bereits berufstätig, indem wir Arbeitsmails checken oder familiäre Dinge per Handy organisieren. Eine neue Zeitverwendungsstudie müsste demnach mehr als eine Nebentätigkeit erfassen, um den modernen Erwerbs- und Freizeitregimen gerecht zu werden. Auch bei der Kinderbetreuung ist die Erfassung von Nebentätigkeiten von größter Bedeutung, denn nur so wird das gesamte Ausmaß unbezahlter Arbeit sichtbar. […]