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Klimaschutz oder Wirtschaftswachstum: es kann nur eines geben…

Wir produzieren heute Waren mit weniger Energie als je zuvor. Aber weil wir auch viel mehr produzieren, löst Technik allein kein Problem.

Wenn vom Klimaschutz die Rede ist, diskutieren wir in der Regel über neue Windenergie- und Solaranlagen. Wir diskutieren über Elektrofahrzeuge und wie wir Treibhausgase in Industrie und Landwirtschaft minimieren können. Damit reduzieren wir den Klimaschutz aber auf eine rein technische Herausforderung. Dabei vergessen wir eines: Das Paradigma des notwendigen Wirtschaftswachstums verunmöglicht alle Klimaschutzziele.

UNO: offenkundige Verbindung von Wirtschaftswachstum und CO2-Emissionen

Die ständig steigenden Treibhausgasemissionen und damit der vom Menschen verursachte Klimawandel lässt sich mit nur wenigen Haupteinflussfaktoren beschreiben. Dabei macht ein Part die technischen Faktoren aus. Dazu zählt der sogenannte CO2-Fußabdruck der Energie – also wie hoch sind die CO2-Emissionen bei Bereitstellung der Energie (Öl vs. Solarenergie). Ein anderer technischer Faktor ist die Energieintensität unserer Produktion von Waren und Dienstleistungen: Können wir effektiver produzieren und mit weniger Energieaufwand produzieren, sind auch die CO2-Emissionen geringer.

Was wir kontrollieren und was wir können

Beide technischen Faktoren können wir gut kontrollieren. Wir verbrauchen heute schon deutlich weniger Energie, um Waren und Dienstleistungen zu produzieren, als in vergangener Zeit. Aber diese effektivere Nutzung von Energie bei der Produktion können wir nicht beliebig steigern. Hochtechnologie lässt sich kaum noch verbessern und sie steht nur wenigen reichen Staaten zur Verfügung. Der CO2-Fußabdruck der Energie lässt sich ebenso einfach verbessern: Durch erneuerbare Energie. Umso weniger fossile Brennstoffe wir nutzen und durch Solarenergie, Windkraft und Wasserkraft ersetzen, umso mehr verbessert sich der CO2-Fußabdruck der Energie. Diese beiden Terme sind also die technikbestimmten Faktoren der Gleichung.

Auch wenn wir noch immer zu wenig erneuerbare Energien nutzen, so ist unser Problem nicht technologische Machbarkeit. Wir müssen unser Wissen nur umsetzen bzw. tun wir das bereits durch effektivere Produktionstechniken.

Die Treiber des Klimawandels

Aber wenn der CO2-Fußabdruck der Energie immer kleiner wird (wenn auch zu langsam und zu wenig) und wir immer weniger Energie verbrauchen, um Waren und Dienstleistungen produzieren, warum steigen dann immer noch die CO2-Emissionen an?

Wesentliche Faktoren für die immer stärker steigenden CO2-Emissionen sind einerseits das Bevölkerungswachstum und andererseits das Wirtschaftswachstum. Das Bevölkerungswachstum deswegen, weil Menschen Nahrung, Energie und Land nutzen und in irgendeiner Form am Wirtschaftsleben teilnehmen. Das sind alles Faktoren die ganz grundsätzlich etwas mit dem Ausstoß von Treibhausgasen zu tun haben. Die einfache Rechnung ist daher: Umso mehr Menschen auf dem Planeten leben, umso mehr Treibhausgase werden emittiert. Die Überbevölkerung zu begrenzen ist ein Ziel der UNO. So kann die Weltgemeinschaft zwar durch umfassende Bildungsprogramme, bessere Verteilungspolitik, Ende des Rohstoffraubs und vor allem weltweiter Gleichstellung von Frauen das Bevölkerungswachstum in den Griff bekommen – allerdings ist das realistisch nur ein mittelfristiges Ziel. Auch löst man mit einer erfolgreichen und sozial verträglichen Begrenzung der Überbevölkerung nicht das grundsätzliche Problem der steigenden CO2-Emissionen. Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum sind kommunizierende Gefäße.

Verrückte und Ökonomen

Bildungsprogramme, Gleichstellung von Frauen und bessere Verteilungspolitik können effektiv das Bevölkerungswachstum senken, sie bedeuten im Allgemeinen aber auch einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf. In einer Wirtschaftswelt, in der ein Anstieg des BIP pro Kopf mehr Wohlstand bedeutet, ist das zwar durchaus zu begrüßen, aber aus Klimaschutzsicht löst hier nur ein Faktor der erhöhten CO2-Emissionen einen anderen ab.

Auch wenn eine sozial verträgliche Begrenzung des Bevölkerungswachstums realistischerweise nur ein mittelfristiges Ziel sein kann, so muss sie doch erfolgen. Eine Zunahme der Weltbevölkerung auf 12 Milliarden Menschen bis zum Jahr 2100, würde das unkontrollierte “business-as-usual“-Szenario (RCP 8.5) wahrscheinlich machen.

„Jeder, der glaubt, exponentielles Wachstum kann andauernd weitergehen in einer endlichen Welt, ist entweder ein Verrückter oder ein Ökonom.“

Kenneth Ewart Boulding (übrigens ein Ökonom)

Reto Knutti – Professorfür Klimaphysik (ETH Zürich) – einer der LeitautorInnen für den vierten und fünften Sachstandsbericht des IPCC

Als weiterer Treiber des Klimawandels bleibt somit Wirtschaftswachstum, das wir auch kurzfristig beeinflussen können. Die Ideologie eines ständigen Wachstums hängt ursächlich mit dem Zwang, immer mehr produzieren zu müssen, zusammen, um sich am Markt behaupten zu können (also mit dem ursächlichen Wesen des Kapitalismus). Wir werden den Klimawandel und auch die zukünftigen Herausforderungen der Menschheit nicht mit einer Wachstumsideologie bewältigen können. So schreibt Reto Knutti, Professor für Klimaphysik an der ETH Zürich, dass „die Emissionen immer noch ansteigen, ist vor allem auf das enorme Wirtschaftswachstum“ zurückzuführen.

Die Grafik des Global Carbon Project, ein ein Projekt der internationalen Wissenschaftsgemeinschaft) zur Erforschung des Kohlenstoffkreislaufes, zeigt die Problematik auf: Trotz stark sinkender CO2-Emissionen in der Produktion von Waren und Dienstleistungen (Energy/GWP) steigen die CO2-Emissionen deutlich an. Auch mit einer “Energiewende”, also einer Transformation weg von fossilen Brennstoffen, hin zu erneuerbare Energie, werden wir die für das 1,5°C-Ziel notwendigen Treibhausgasreduktionen nicht schaffen. Grund ist das starke Wirtschaftswachstum. Siehe auch hier als Tweet von Reto Knutti.

Alles nicht so einfach

In der lesenswerten Arbeit „Energie und Klimaschutz: Einige grundsätzliche Betrachtungen“ von Andreas Veigl im Rahmen des 14. Symposium Energieinnovation werden unterschiedliche Wirtschaftswachstums-Szenarien – nicht zu verwechseln mit den RCP-Szenarien der IPCC – anhand der Kaya-Identität im Detail berechnet (Zur “Kaya-Identität” sieh Kasten am Ende dieses Texts).

Die Grafik prognostiziert die globalen CO2-Emissionen. Wobei Schwarz dargestellt, der historische, aufgezeichnete Wert ist.

Der rot dargestellte Verlauf prognostiziert die zukünftigen CO2-Emissionen, wenn die Intensitätsverbesserungsraten im Mittel den historischen Werten entspricht. Wenn also der CO2-Fußabdruck der Energie und die Energieintensität unserer Produktion (die “technischen Faktoren” der Kaya Identität) sich ähnlich entwickeln, wie in der Vergangenheit. Wobei die rot gestrichelte Linie (Szenario 1) die Entwicklung bei einem Wirtschaftswachstum von 1,6 Prozent (historischer Durchschnitt) prognostiziert und die rote durchgezogene Linie (Szenario 2) die Entwicklung bei einem Null-Wachstum.

Der blau dargestellte Verlauf prognostiziert die zukünftigen CO2-Emissionen, unter der Annahme von deutlich höheren Intensitätsverbesserungsraten. Wenn also der CO2-Fußabdruck der Energie und die Energieintensität unserer Produktion in Zukunft so stark sinken, wie zu “Bestzeiten” in der Vergangenheit (genauer: für diese Annahme wurden die historischen maximalen 5-Jahresdurchschnitte herangezogen). Wiederum prognostiziert die blau gestrichelte Linie (Szenario 3) die Entwicklung bei einem Wirtschaftswachstum von 1,6 Prozent und die blaue durchgezogene Linie (Szenario 4) die Entwicklung bei einem Null-Wachstum. Aber selbst unter dieser sehr optimistischen Annahme, eines stark verbesserten CO2-Fußabdruck und Energieintensität unserer Produktion werden die CO2-Emissionsreduktionen für das 1,5°C- und 2°C-Ziel deutlich verpasst.

Bessere Technik allein macht es nicht besser

Der grün dargestellte Verlauf prognostiziert die zukünftigen CO2-Emissionen, unter der Annahme, dass die CO2-Emissionen zwischen 2013 und 2050 um 9 Prozent im Jahresschnitt sinken. Auch müsste sich der CO2-Fußabdruck und Energieintensität unserer Produktion jedes Jahr um etwa 10 Prozent unter der Annahme eines sehr geringen Wirtschaftswachstum verbessern. Und zwar so stark verbessern, wie noch nie im Zeitraum 1970 bis 2013. Wir schreiben heute das Jahr 2019 und die globalen CO2-Emissionen sind seit 2013 jedes Jahr weiter angestiegen und einzig die Energieintensität unserer Produktion hat sich verbessert (etwa um 1,5 Prozent im Jahresdurchschnitt in den Jahren 2000 bis 2015 – also ebenso deutlich zu gering).

Die Grafik zeigt, wie unrealistisch es ist, allein mit Verbesserung des CO2-Fußabdrucks und Energieintensität unserer Produktion (den “technischen Faktoren”) die Klimaziele zu erreichen. Selbst bei dem optimistischen (blauen) Verlauf und einem Null-Wachstum der Wirtschaft, erreichen wir die Klimaziele nicht und wir müssen ein Negativ-Wachstum andenken. Es braucht eine Kombination der Verbesserung der technischen Faktoren und der wirtschaftlichen Faktoren:

  • Wir müssen weiter unsere CO2-Emissionen bei der Produktion unserer Waren und Dienstleistungen senken,
  • wir müssen deutlich mehr erneuerbare Energie nutzen und uns von fossiler Energie verabschieden (das tun wir kaum) und
  • wir müssen unser Wirtschaftswachstum bremsen.

Nur wenn wir diese Faktoren gemeinsam unter Kontrolle bringen, haben wir eine Chance das 1,5°C-Ziel zu erreichen.

“Grünes Wachstum” als Leerformel

Irmi Seidl, ETH Zürich

Klimaschutz kann nicht nur auf eine technische Herausforderung reduziert werden. Das Paradigma des notwendigen Wirtschaftswachstums stellt die Klimaschutzziele infrage. Wir müssen uns wohl auch von den Ideen eines „grünen Wachstums“ verabschieden. „Klima- und Ressourcenschutz ist bei Wachstum eine Illusion, grünes Wachstum ist eine Leerformel“, schreibt Irmi Seidl, Dozentin für Ökologische Ökonomik an der ETH Zürich. Denn „Wachstum und Umweltverbrauch sind eng gekoppelt, der Umweltverbrauch nimmt mit Wachstum proportional zu“. (vgl. „The material footprint of nations“). Um den Klimawandel zu stoppen, müssen wir uns von der Idee des konkurrenzbehafteten Wirtschaftswachstums als Wohlstandsgenerator verabschieden und Wohlstand in Zukunft solidarisch durch Kooperation und Verteilung schaffen.

Helga Kromp-Kolb

Helga Kromp-Kolb, bis 2018 Leiterin des Zentrums für Globalen Wandel und Nachhaltigkeit an der BOKU, bringt es im Interview mit der Gewerkschaft der Privatangestellten – Druck, Journalismus, Papier (GPA-djp) in deren Zeitung Kompetenz, auf den Punkt: “Aber wenn man bedenkt, dass das Klima ja nur ein Symptom von mehreren Symptomen ist, die darauf hinweisen, dass wir ein ungeeignetes Wirtschaftssystem haben, dessen Spielregeln bewirken, dass die Menschen und die Natur ausgebeutet werden, dann ist alleine das Ersetzen von Technologien keine Lösung, weil das diese Ausbeutung nicht verändert.”

Kurzer Anhang: Die Kaya-Identität

Die CO2-Emissionen in einer mathematischen Formel

Die im Artikel vorgestellten Haupteinflussfaktoren für die Emissionsbilanz der Treibhausgase werden in der sogenannten „Kaya Identität“ untereinander in Beziehung gesetzt. Die Kaya-Identität wurden im Jahr 1993 vom japanischen Ökonomen Yoichi Kaya entwickelt. Sie beschreibt die Entwicklung der CO2-Emissionen anhand der bisherigen CO2-Emissionen, des Bevölkerungswachstums, des Wirtschaftswachstums und des weltweiten Energiebedarfs. Die Kaya-identität mag wie eine Spielerei wirken. Tatsächlich spielt sie aber eine zentrale Rolle bei der Entwicklung zukünftiger Emissionsszenarien in den Sonderberichten des „Weltklimarats“ (IPCC). Sie ist die Basis, um aufzuzeigen, welchen Weg die Menschheit geht.


Die Kaya-Identität: F ist der globale CO2-Ausstoß aus menschlichen Quellen; P die Weltbevölkerung; G das BIP (Gross domestic product, GDP); der Term G/P daher das BIP pro Kopf; der Term E/G die Energieintensität des BIP, wie effektiv eine Wirtschaft Energie einsetzen kann. Der Term ergibt sich aus dem globalen Energieverbrauch und den bisherigen CO2-Emissionen – es ist der CO2-Fußabdruck der Energie, als wieviel CO2 pro Energieeinheit ausgestoßen wird
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Stefan Steindl

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