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Kein Bock auf Fakten: Regierung sagt Zeitverwendungsstudie ab

Türkis-Blau will nicht wissen, wofür die ÖsterreicherInnen ihre Zeit verwenden. Warum das schlecht für die geschlechterpolitische Debatte der Zukunft ist.

Mit der Zeit der ÖsterreicherInnen schaltet und waltet die türkis-blaue Regierung, wie es ihr – oder sagen wir besser ihrer Klientel aus Industriellen und Wirtschaftsgrößen – beliebt. Das hat sie bereits bei der Durchsetzung des 12-h-Arbeitstages bewiesen. Wer wie viel arbeiten muss und wie viel Zeit dieser Person für „Sonstiges“, sprich Familie oder auch Freizeit, übrig bleibt, interessiert die aktuelle Regierung nicht.

Diese Ignoranz zu Fragen der Zeitgerechtigkeit zeigt sich nun auch in ihrer Ablehnung, eine neue Zeitverwendungsstudie für Österreich in Auftrag zu geben. Bekannt wurde diese Entscheidung durch eine Anfragebeantwortung von Familien- und Frauenministerin Bogner-Strauß. Es sei „nicht geplant im Laufe der Gesetzgebungsperiode eine Zeitverwendungsstudie oder Monetarisierungsstudie zu beauftragen“, lautet die Antwort Mitte August auf die parlamentarische Anfrage der Grünen Bundesrätin Ewa Dziedzic.

Auch Sozialministerin Hartinger-Klein, die die parlamentarische Anfrage ebenfalls bekommt hat, will keine Studie bezahlen, wenngleich sie an den Ergebnissen zumindest „interessiert“ wäre.

Verteilung von Zeit ist ein Politikum

Zur Erinnerung: Zeitverwendungsstudien werden in Europa alle zehn Jahre durchgeführt mit dem Auftrag genau festzuhalten, wofür die BewohnerInnen eines Landes ihre Zeit verwenden. Reflektive hat sich mit der Verteilung von Zeit und der Relevanz der kontinuierlichen Zeit-Erhebung bereits in einer eigenen Zeit-Reihe auseinandergesetzt. Fest steht: die Verteilung von Zeit ist eine hoch politische Frage, weil sie sehr viel über die Tiefenstruktur der Geschlechterverhältnisse und des Verhältnisses von alt und jung eines Landes aussagt.

Zeitverwendungsstudien bilden die Basis für viele sozialwissenschaftliche Studien, weil sie quantifizierbare Ergebnisse zu den unterschiedlichen Tätigkeiten abliefern. So kann man anhand dieser Studien ablesen, wer in Haushalten die meiste Versorgungs- und Familienarbeit leistet, wer mehr bezahlte Arbeit verrichtet, welche Bevölkerungsgruppen mehr Zeit in öffentlichen Verkehrsmitteln verbringen und welche lieber mit dem Privat-PKW unterwegs sind.

Valide Daten zur Zeitnutzung bieten zudem die Möglichkeit, aktuelle Tendenzen wie jene der „rhetorischen Modernisierung“ (nach Angelika Wetterer) einem Realitätscheck zu unterziehen. In ihrer Analyse beschreibt die Soziologin das Phänomen einer rein sprachlichen, bekenntnisorientierten Gleichstellung, der keine strukturellen Veränderungen der Verhältnisse zugrundeliegen. Was bleibt von der allenorts gepriesenen Notwendigkeit zu Gleichstellung und Partnerschaftlichkeit in den Familien übrig? Die Zeitverwendungsstudie würde diese Fragen klären.

Weiters gilt es zu beachten, dass sich innerhalb der letzten zehn Jahren die Zeitverwendung der Menschen durch die Digitalisierung komplett verändert hat – Stichwort Nebentätigkeiten. Wir fahren heutzutage nicht einfach zur Arbeit: in der selben Zeit sind wir bereits berufstätig, indem wir Arbeitsmails checken oder familiäre Dinge per Handy organisieren. Eine neue Zeitverwendungsstudie müsste demnach mehr als eine Nebentätigkeit erfassen, um den modernen Erwerbs- und Freizeitregimen gerecht zu werden. Auch bei der Kinderbetreuung ist die Erfassung von Nebentätigkeiten von größter Bedeutung, denn nur so wird das gesamte Ausmaß unbezahlter Arbeit sichtbar.

Wie leben wir heute? Wo liegen die Belastungen?

Anhand dieser und weiterer Ergebnisse würde die Politik ein solides Bild von der Zeitverteilung ihrer Bevölkerung erhalten. Sie könnte erfahren, welche neuen Belastungen und möglicherweise auch Freiräume für Menschen durch die Digitalisierung entstanden sind. Und sie hätte auf Basis dieser Daten die Möglichkeit, Maßnahmen zu setzen, die die Zeitgerechtigkeit zwischen den Bevölkerungsgruppen erhöhen würden.

Bogner-Strauss hält in ihrer Anfragebeantwortung fest, dass die Regierung sich zu Partnerschaftlichkeit und Gleichberechtigung in der Familie bekennt. Und dass es hierbei vor allem um den möglichst flächendeckenden Ausbau bedarfsorientierter Kinderbetreuungseinrichtungen gehe. Aber Moment, war da nicht was?  Wer so argumentiert hat zwar die „Rhethorik der Modernisierung“ intus, aber kein Interesse, dem Anspruch auch Daten folgen zu lassen.

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Ina Freudenschuss