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Wenn die (Netz)Revolution von rechts kommt

Angela Nagle analysiert in ihrem neuen Buch die einflussreichen Sphären der Online-Rechten, die neuerdings mit Non-Konformismus und Tabu-Brüchen punkten.

Frauen sind Wesen, die ewig vor dem Spiegel stehen und sich für ihre Instagram und Facebook-Profile zurechtmachen; die ein Fake-Leben führen, um online gefällig und halblustig darüber zu berichten. Diese Frauen – ein Sinnbild für den konformistischen, irgendwie liberalen Mainstream – haben in den nerdigen Sphären der rechten Tabu-Brecher nichts verloren. Und wehe wenn …

Inzwischen gibt es 16-jährige Mädchen, die durch koordiniertes Online-Mobbing in den Selbstmord getrieben wurden; es gibt Frauen, deren persönliche Daten auf sogenannten doxxing-Seiten veröffentlicht wurden, weil sie es gewagt haben, etwas „männerfeindliches“ zu sagen oder zu tun; und es gibt Gamerinnen, die von einer orchestrierten Meute an rechten Trollen ihrer Stimme beraubt wurden.

Dreifaltigkeit des Grauens

Verantwortlich für diese medialen Ereignisse sind Netzwerke von rechten Akteuren und Akteurinnen, die in den letzten Jahren ihren Weg von versteckten Szenen hin zu Plattformen wie „4chan“ und Medien wie „Breitbart“ gefunden haben. Radikaler Frauenhass, geschürt von persönlichen Enttäuschungen und Unzulänglichkeiten, verbindet sich hier mit dem Rassismus der „white supremacists“ und der Verachtung für jegliche Political Correctness; in diesen Szenen herrscht Anti-Moralismus nietzscheanischen Ausmaßes und die tiefe identitäre Befriedigung, rechts, rebellisch und signifikant zu sein.

Rechte Gegenkultur

Wie konnte es soweit kommen? Gegen den Mainstream einzustehen und den Konformismus der Eltern, des Lehrkörpers und der KirchgängerInnen abzulehnen, war doch schon immer, aber mindestens seit den 68ern links, oder etwa nicht? Die irische Kulturwissenschafterin und Autorin Angela Nagle gibt in ihrem neuen Buch „Die digitale Gegen-Revolution“(2018) Antworten auf diese Fragen. Sie geht einerseits genauer auf die Kulturgeschichte von kulturellen Überschreitungen und „Rebellentum“ ein und zeichnet andererseits die letzten zehn Jahre Online-Kultur im anglo-amerikanischen Raum nach. In dieser Dekade hat sich die Debatte im Netz ideologisch vollkommen gewandelt.

Der Ausgangspunkt ihrer Beobachtungen liegt rund 10 Jahren zurück, als Netz- und Blogosphäre sowie diverse Social Media-Plattformen noch als cyber-utopisch verstanden wurden. KommentatorInnen und Intellektuelle schrieben dem Internet eine positive Macht zu, quasi führerlos autoritäre Regime im Nahen Osten („Arabischer Frühling“) hinwegzutwittern und liberale Grundwerte, Aufklärung und demokratischen Fortschritt zu transportieren.

Barack Obamas Online-Wahlkämpfe (2008 und 2012) waren ebenfalls geprägt von einer positiven Grundhaltung, die liberale Grundwerte, vereinenden Humor und gesellschaftlichen Fortschritt vermittelte; 2017 dann das böse Erwachen: eine weiße Frau prallte mit einer vergleichbaren Tonalität in der Netzgemeinde ab, während ein rechter Troll namens Donald Trump mit Unterstützung der „Alternative Right“ („Alt-Right“) und ihren UnterstützerInnen aus den etablierten Medien („Alt-Light“) das Weiße Haus kapern konnte.

Gewählt aus Kulturkämpfen

Für Nagle sind die Debatten, die Trumps Wahlsieg vorangingen, Kulturkämpfe, die sich aus Netzdebatten speisten und Mainstream-Medien-NutzerInnen zunächst ratlos machten. Im Laufe der Zeit wurde das Interesse der Mainstream-NutzerInnen immer größer, die Hintergründe, Positionen und ironisch bis menschenverachtenden Argumentationshilfen dieser jungen Männer aus dem Internet besser zu verstehen. Die Diskurse aus dem rechten Netz gewannen damit an Einfluss in der gesamten politischen Debatte.

Von #Harambe zu #Gamergate

Nagle zeichnet dies nach mit diskursiven Netz-Ereignissen wie #Harambe (ein Affe wurde getötet, nachdem er ein zweijähriges Kleinkind in seinen Bau geschleppt hatte) über #Kony 2012 (ein Kampagnenvideo zur Durchsetzung der Verfolgung des ugandischen Kriegsverbrechers Joseph Kony) bis zu #Gamergate (eine orchestrierte Hasskampagne gegen Gamerinnen, die Sexismus und Rassismus in der Gamerszene thematisierten).

Alle diese Kulturkämpfe hatten zur Folge, dass sich der Diskurs im Netz zuspitzte, aggressiver und zynischer wurde und den herkömmlichen Medien, die in den Augen der rechten NetzaktivistInnen konformistische, liberale Werte verkörperten, immer mehr den Rang der verbindliche Öffentlichkeit erzeugende Autorität abliefen.

Rechte Ideologen wie der amerikanische Aktivist Richard Spencer prägten den Begriff der „alt-right“ als Bewegung, die sich dem moralischen Konservativismus der Republikanischen Partei entgegenstellte und offen die politische Unterordnung von Frauen und nicht-weißen US-BewohnerInnen einforderte. Als „Alt-Light“ werden Medien-Stars wie der junge schwule und nichts destotrotz homophobe Milo Yiannopoulos verstanden, die Trump mit ihren Auftritten in Mainstream-Medien, an Universitäten und in den sozialen Medien den Weg bereiteten.

„Mannosphäre“

Nagle beschreibt diese Diskurse minutiös und lässt staunen über die verwirrten Argumentationsmuster dieser mehr und weniger bekannten Aktivisten. Sie legt einen Schwerpunkt ihrer Analyse auf die sogenannte „Mannosphäre“, ein Bereich des Internets, in dem einerseits gejammert wird über die fehlenden Lebenschancen, die mann aufgrund von Emanzipation und Feminismus im realen Leben hat und andererseits philosophische Ansätze wie „Men going their own way“ gepredigt werden, in dem Männer von Frauen „unabhängig“ gemacht werden sollen.

Doch alles ist leider nicht nur albern, was von diesen einsamen Herzen erdacht wird – manche setzen ihre Verachtung für Frauen auch in die Tat um. So gab es in den USA schon mehrere Schussattentate von jungen Männern mit klaren Verbindungen in die rechte, anti-feministische Online-Szene. In diese grenzüberschreitende, anti-moralische Denkhaltung passt aber auch der jüngste Mega-Datenklau in Deutschland durch einen 20-jährigen Schüler, der ohne ersichtlichen Grund – einfach nur weil er es konnte – die Daten von PolitikerInnen (außer jene von der AFD) und Prominenten (und ihren Familien) auf Twitter veröffentlichte.

Von Linken und Feministinnen an die Wand gedrängt

So überzeugend Nagles Herleitungen der verschiedenen Online-Strömungen sind, so fragwürdig ist ihr einfaches Ursache-Wirkung-Prinzip, das sie zur Erklärung der neuen rechten Online-Kultur einsetzt. Schuld an der ganzen Misere seien nämlich die überbordenden linken Identitätspolitiken, die im Netz ebenfalls viel Platz einnehmen würden und ganze Medien ihr eigen nennen (z.B. tumblr). Deren für Nagle offenbar lächerliche, übertriebene Forderungen seien der Grund dafür, warum sich junge Online-Rechte nun mit einem hämischen Grinsen über „Sprech-Verbote“ und Achtsamkeitsgebote hinwegsetzten.

Zudem hätten die linken IdentitätsaktivistInnen viele andere Linke (die das Thema Identität und Ausschlüsse nicht als oberste Priorität betrachten) mit gezielten verbalen Angriffen aus der politischen Sphäre verdrängt, und damit die Linke als ganze geschwächt.

Was Nagle dazu sagt, dass ihr Buch in der deutschen Übersetzung mit _ erscheint, ist nicht überliefert. Die Schreibweise zur Sichtbarmachung von Geschlechtern jenseits der binären Ordnung ist aber nicht stimmig angesichts ihrer undifferenzierten, offenbar genervten Analyse von linker Identitätspolitik. Zudem schätzt sie den Einfluss dieser rund um linke Universitäten angesiedelten Szenen als viel zu hoch ein im Vergleich zu den Online-Rechten, deren Imperium inzwischen sogar ins Weiße Haus reicht.

Antimoralische Rechte auf dem Siegeszug

Zwar mag es stimmen, dass linke Identitätspolitik in den letzten Jahrzehnten kulturell prägend war (siehe aktuell z.B. die behördliche Anerkennung des Dritten Geschlechts in Europa), aber nicht in dem Ausmaß und in so breiten Gesellschaftsschichten wie die neue anti-moralische Rechte es inzwischen ist.

Alles in allem ist es angebracht, eine neue rechte Revolution zu attestieren, die ihre Wurzeln im Internet hatte und ihre Schlagkraft ebenfalls daraus bezieht. Ihre Wirkung ist inzwischen auch in Österreich zu spüren. Sie zeigt sich etwa darin, dass „der neue Stil“ von Kurz und Co quer durch alle Gesellschaftsschichten für Begeisterung sorgt. Die Performance der Türkis-Blauen Regierung wird als neu, befreit und irgendwie auch als rebellisch wahrgenommen. Damit das möglich ist, waren lange Vorbereitungen auf kultureller Ebene nötig, die Wörter, Gesten und Handlungen nun radikal anders mit Sinn erfüllen.

Angela Nagle: Die digitale Gegenrevolution, 2018, Transcript X Texte

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Ina Freudenschuss