reflektive

Von einem Lebensstil, der sich zu Tode siegt

Die Politikwissenschaftler Ulrich Brand und Markus Wissen haben einen Spiegel-Bestseller über den „imperialen Lebensstil“ des Westens geschrieben. Eine reflektive-Rezension.

Es hat wohl viele WesteuropäerInnen überrascht, als vor kurzem berichtet wurde, dass China über den europäischen Plastikmüll einen Import-Stopp verhängt hat. Hat China jemals unseren Plastikmüll verwertet, haben Sie sich vielleicht gefragt. Ja, und zwar, sehr sehr viel! Allein Deutschland verschiffte bisher Jahr für Jahr 700.000 Tonnen Plastikmüll nach China und Hongkong.

Damit soll jetzt Schluss sein. Und die EuropäerInnen müssen sich ernsthaft die Frage stellen, was sie mit dem Müll, der zu ihren Produkten gehört, anfangen sollen. Der chinesische Importstopp könnte aber auch am Beginn der Erkenntnis stehen, dass unsere „imperiale Lebensweise“ langsam aber sicher an seine Grenzen gelangt. Die Politikwissenschafter Ulrich Brand und Markus Wissen haben dazu 2017 im Oekom-Verlag einen kurzen Band verfasst, der sich dem zerstörerischen Phänomen mit neo-gramscianischen Begriffen nähert und damit aus unserem ignoranten Konsumleben eine Macht- und Widerstandsgeschichte entwickelt.

Kosten im out

Ihre zentrale Aussage: mit der imperialen Lebensweise, die wir alle im globalen Norden betreiben, müssen die bei der Produktion und Entsorgung dieser Waren entstehenden Kosten immer auf ein Außen ausgelagert werden. Menschliche Ausbeutung beim Abbau seltener Erden und Metalle, Umweltverschmutzung bei der Erdölproduktion, übermäßiger CO2-Ausstoß, Raubbau an Tieren und Böden in der industriellen Landwirtschaft aber eben auch der durch die kapitalistische Produktionsweise entstehende Müll dürfen hier, „bei uns“, nicht sichtbar sein.

Brand und Wissen nennen dies die „Externalisierung sozial-ökologischer Kosten“. Nun, da das „Andere“ (in unserem Beispiel China) global gesehen immer kleiner wird, weil die Schwellenländer selbst einen imperialen Lebensstil zumindest für die Ober- und Mittelschicht herstellen wollen, gerät das System an seine Grenzen. Wohin mit dem Müll? Wohin mit dem CO2-Ausstoß der WesteuropäerInnen, der ihnen bei einer gerechten Verteilung des Co2-Ausstoßes pro ErdeinwohnerIn nicht zusteht? Der imperiale Lebensstil ist offensichtlich nicht verallgemeinerbar, das heißt, für alle Menschen in gleicher Weise auf der Erde lebbar.

Geschichte eines Naturverhältnisses

Brand und Wissen zeichnen in ihrem Buch die Genese dieser imperialen Lebensweise im Globalen Norden, zu dem auch Westeuropa gehört, nach: von der Frühindustrialisierung in England, über die weltweite Kolonialisierung bis hin zum Fordismus im 20. Jahrhundert, der die imperiale Lebensweise für die breiten Mittelschichten aufgrund höherer Löhne und mehr Freizeit erreichbar machte, bis hin zu den multiplen Krisen der Gegenwart (Finanzkrise, Klimakatastrophe, Erschöpfung der natürlichen Ressourcen) reicht der Bogen.

Auf dieser Grundlage argumentieren die Autoren, dass die imperiale Lebensweise auch gesellschaftlich vermittelt wird, also auf hierarchischen Geschlechterverhältnissen und rassistischen Strukturen beruht. Der Komplex der mit fossilen Brennstoffen betriebenen Autoindustrie funktioniere nur auf der Basis der „hegemonialen Männlichkeit“ (mit den Werten Aggression, Geschwindigkeit, Egoismus) und die internationale Arbeitsteilung nur auf einer rassistisch begründeten Entwertung der Arbeitskraft aus dem globalen Süden (z.B. in der Bekleidungsindustrie).

Blind für die Konsequenzen

Was die imperiale Lebensweise andernorts (und in der Zukunft) kostet, ist auch deshalb so schwer wahrzunehmen, weil sie für die Menschen hier gleichzeitig eine Erweiterung der Handlungsmöglichkeiten darstellt. Immer schnellere Laptops, Smartphones, Fernflüge und billigste Lebensmittel machen für die Menschen das Leben einfacher, ermöglichen Teilhabe und schaffen höhere Sicherheit in krisengebeutelten Zeiten. Gleichzeitig stellt die imperiale Lebensweise auch einen strukturellen Zwang dar, weil die meisten Menschen ihre Arbeitskraft auf dem freien Markt anbieten müssen und damit existentiell von den kapitalistischen Produktions- und Konsumnormen abhängig sind. Es ist dies das Wesen von Hegemonie (im Sinne von Gramsci), dass sie zwingt und gleichzeitig ermöglicht.

Für die beiden Autoren ist klar, dass sich das Verhältnis von Zwang und Ermöglichung sowie die Fähigkeit, sich dem Zwang zu entziehen, „mit der sozialen Position der Individuen variieren“. Das heißt, aktuell sind zum Beispiel nur BesserverdienerInnen in der Lage, regionales Gemüse aus Bio-Landwirtschaft und womöglich noch verpackungsfrei zu beziehen.

Möglichkeiten des Handelns

Aber was nun tun, wenn die Hegemonie des imperialen Lebensstils uns fest im Griff hat und sich immer weiter auf dem Globus ausbreitet – und damit der Co2-Ausstoß, die Zerstörung von Natur und die Höhe der Müllberge immer weiter ansteigen?

Brand und Wissen bleiben in dieser Frage erwartbar unkonkret – denn die Antwort ist ja wirklich alles andere als leicht zu geben. Zum einen fordern sie andere „politische Regeln sowie gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten und Leitbilder, welche kapitalistische Expansion zurückdrängen (..)“. Außerdem rufen sie dazu auf, den „aktuellen problematischen Entwicklungen“ (z.B. CETA) und den vielfachen „kapitalistischen Expansionen“ politisch und damit aktivistisch Einhalt zu gebieten.

Die Autoren skizzieren gleichzeitig eine „solidarische Lebensweise“, die nicht mehr nimmt/verbraucht, als ihr zusteht, die radikal demokratisch organisiert ist und gesellschaftliche Ungleichheitsstrukturen in Angriff nimmt.

Projekte, wo diese „solidarische Lebensweise“ anklingt, seien etwa die Rekommunalisierung von Infrastruktursystemen der Wasser- oder Energieversorgung, die Kämpfe der Landlosenbewegungen um territoriale Rechte oder die Kämpfe gegen die privaten Eigentumsrechte an genetischen Ressourcen durch indigene Gemeinschaften. Auch der Freiwilligen-Einsatz beim Empfang der Flüchtlinge im Sommer 2015 könne als Ausdruck einer anderen Lebensweise verstanden werden. Aber auch der Verzicht auf Fleisch und Fernreisen, oder die schlichte Erkenntnis, dass ein eigenes Auto und die „normale Karriere“ nicht mehr erstrebenswert seien, schaffen Möglichkeiten der alternativen Erfahrung, so die Autoren.

Mit ihrem Band liefern die Autoren einen der wenigen Beiträge zur Frage, wie sich „ein gutes Leben für alle“ in einer Post-Wachstumsgesellschaft ausgestalten ließe und was einer Realisierung im Wege steht. Dass die westlichen Gesellschaften bei diesen Überlegungen erst am Anfang stehen, ist schmerzlich, da die Grenzen des Wachstums den politischen Institutionen und wirtschaftlichen Eliten seit langem bekannt sind. Mit der kritischen Theoretisierung unserer Lebensweise schaffen es die Autoren außerdem, das Subjekt als handlungsfähig und bedeutungsvoll zu setzen und damit der weitverbreiteten Ansicht, dass das eigene Handeln und Konsumieren im Angesicht der globalen Entwicklungen doch vollkommen egal sei, eine starke und dringend notwendige Gegenargumentation zu liefern.

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Ina Freudenschuss