reflektive

Vereint im Hass gegen „Gender“

Rechtsradikale, christliche Fundamentalist_innen und Rechtskonservative machen weltweit den Rechtspopulismus salonfähig. Ein neuer Reader widmet sich dem „Diskursknoten Antifeminismus“ und analysiert seinen zunehmenden Einfluss auf gesellschaftliche Debatten.

Antifeminismus – eine Definition dieses Phänomens ist alles andere als leicht zu treffen. Deshalb gibt es zu dem Begriff bisher auch immer nur Annäherungen, die die Vielfältigkeit und die Verstricktheit der politischen Positionen in größere zumeist rechtskonservative Strömungen betonen. Auch im neuen Sammelband „Antifeminismus in Bewegung. Aktuelle Debatten um Geschlecht und sexuelle Vielfalt“ (Marta-Press, 2018) wird keine einheitliche Definition für das Phänomen gegeben. Stattdessen werden die Versatzstücke dieses in den letzten zehn Jahren erstarkenden Diskurses herausgearbeitet.

Soziale Konstruktion von Geschlecht am Pranger

Grundsätzlich handelt sich beim Antifeminismus nicht um eine eigenständige politische Ideologie. Vor allem in seiner modernen Form, auch „Anti-Genderismus“ genannt, richtet sich Protest und Hass des Antifeminismus gegen jene Politiken, die die soziale Konstruktion von Geschlecht (also Gender) anerkennen und Maßnahmen verfolgen, um die bestehende soziale Ungleichheit zwischen Männern und Frauen zu verkleinern. Im Gegenzug betrachten Antifeminist_innen die Geschlechterunterschiede als Ausdruck einer natürlichen Ordnung, die die Grundlage unserer Gesellschaftsform darstellt und vor vielfältigen Geschlechter- und Sexualitätsformen geschützt werden müssen.

Kritisiert und verfolgt werden demnach Feministinnen, Aktivistinnen, aber auch Genderwissenschaftlerinnen, die dieses Gesellschaftsbild in Zweifel ziehen. Nach Regina Frey gibt es im Antifeminismus fünf Akteursgruppen: die journalistische Gender-Gegnerschaft, die Wissenschaftslichkeitswächter, der christliche Fundamentalismus, explizite antifeministische Akteur_innen und rechte Organisationen.

Geburtenknick und freie Frauen

Der Reader arbeitet vor allem die starke Verankerung des Anti-Feminismus in rechtskonservativen und rechtsradikalen Weltbildern heraus. So zeigen Gideon Botsch und Christoph Kopke in ihrem Beitrag „Der Volkstod“, wie die Furcht vor der Zerstörung bzw. vor dem Untergang des „authochtonen Volkes“ durch Gebärstreik (von Frauen) und Migration ein substantieller Teil des antifeministischen Weltbildes ist. Die Liste der Publikationen zur drohenden Auslöschung reicht vom Beginn des 20. Jahrhunderts („Der Untergang des Abendlands von Oswald Spengler, 1918) bis in die Nuller Jahre („Deutschland schafft sich ab, Thilo Sarrazin) mit fast austauschbaren völkisch argumentierten Untergangsszenarien. Frauen stehen hier durch ihre Macht in Bezug auf die Fortpflanzung besonders im Kreuzfeuer: Verhütung, freie Sexualität aber auch der Schwangerschaftsabbruch werden deshalb von rechtsnationaler Seite abgelehnt.

Klassische Familie bedroht

In dem Begriff „Gender-Ideologie“, den Antifeminist_innen gerne verwenden, schwingt weiters ein bedrohlicher Verschwörungsgedanke mit, den Stefanie Mayer, Edma Ajanovic und Birgit Sauer in ihrem Beitrag „Kampfbegriff ‚Gender-Ideologie’“ analysieren. Dabei fußt das Bedrohungsszenario laut den Autorinnen auf einem Missverständnis, das die Proponent_innen dieses Diskurses nur allzu gern in Kauf nehmen. Unterstellt wird, dass von WissenschaftlerInnen und FeministInnen mit dem Begriff „Gender“ eine freie, uneingeschränkte und bedingungslose individuelle Wahl von Geschlecht(ern) und Sexualität(en) oder eine „geschlechtslose Gesellschaft“ propagiert würde, der es sich entgegenzustellen gelte. Soziales und biologisches Geschlecht werden als komplett getrennt voneinander gesetzt, was zwangsläufig zur Gegenwehr der Antifeminist_innen führt, weil sie ihre Vorstellung von der natürlich begründeten Geschlechterordnung in Gefahr sehen. Vorgeworfen wird den Feminist_innen zudem eine von oben – durch Eliten – gesteuerte Absicht, die herkömmlichen Geschlechterverhältnisse und Familienformen abschaffen zu wollen.

Solche Abwehrreaktionen und Argumentationsmuster sind inzwischen nicht mehr nur in einschlägigen Internetforen zu finden, sondern mobilisieren viele tausende Menschen, um z.B. gegen eine diversitätsorientierte Sexualpädagogik an Pflichtschulen zu protestieren. In Deutschland lautete die Initiative „Demo für Alle“. In Österreich mobilisierten die „besorgten Eltern“ medial äußerst erfolgreich gegen den bundesministeriellen Erlass zur Sexualerziehung im Jahr 2015.

Feminst_innen als „korrupte Elite“

Für die österreichische antifeministische Szene machen die Autorinnen einerseits rechtsextreme und völkische Weltdeutungen aus, andererseits dominiere „die Verwendung rechts-populistischer Logiken und Strategien“ (S. 43). Dabei wird Gesellschaft grundsätzlich als zwei homogene jedoch wiederstrebende Gruppen gefasst – „die reinen Menschen und die korrupte Elite“ (S. 43)., wobei Feminist_innen ganz klar zu letzterer gezählt werden.

In Kapitel IV des Sammelbandes werden die „Folgen antifeministischer Diskursinterventionen“ dargestellt, also der Einfluss der antifeministischen Propaganda auf pädagogische Arbeit und Sozialberatung. Vivien Laumann und Katharina Debus zeigen in ihrem Beitrag die Verunsicherung bei Sexualpädagog_innen auf, welche Inhalte sie noch unbeschadet bzw. ohne Probleme vermitteln dürfen. Der Umstand, dass Sexualpädagogik so stark in den Fokus der politischen Auseinandersetzung getreten ist, verunsichert die Pädagog_innen und löst Effekte ähnlich einer Vorzensur aus.

„Hegemoniale Männlichkeit“

Clemens Fobian und Rainer Ulfers thematisieren in ihrem Beitrag eher allgemein die schädliche Wirkung von „hegemonialer Männlichkeit“ bei der Beratung von männlichen Opfern sexueller Gewalt. In der Tradition der patriarchalen, männlichen Gewalt würde ein sexueller Übergriff von Männern an Jungen ausgrenzend (aus der Männlichkeit) wirken – diese Wirkung bei den Betroffenen sehen die Psychologen als direkten Effekt einer auf Stärke, Kontrolle und Unabhängigkeit basierenden starren Männlichkeit.

Die erwähnten Beiträge werden ergänzt durch weitere Texte, etwa über das Männlichkeitsbild in Burschenschaften, die sogenannte „Lebensschutzbewegung“ oder den Zusammenhang von Antifeminismus und Antisemitismus. Antifeministische Weltanschauungen fügen sich in den einzelnen (rechten) Szenen je unterschiedlich in die breitere Ideologie. Der Kampfbegriff Gender als Feindbild lässt sich als kleinster gemeinsamer Nenner all dieser unterschiedlichen Akteur_innen fassen. Am Besorgnis erregendsten ist dabei, dass der gemeinsame Feind „Gender“ offenbar eine stärkende, verbindende Wirkung auf diese Szenen hat.

Juliane Lang, Ulrich Peters (Hg.): Antifeminismus in Bewegung
Martha-Press, Februar 2018
Link: marta-press

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Ina Freudenschuss