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Politik kinderbuch-leicht gemacht

Der Herbst ist die Jahreszeit, wo sich gesellschaftlich viel tut: Schule und Unis starten ins neue Semester, sozialpartnerschaftliche Lohnrunden haben Hochsaison und meistens finden zu dieser Zeit alle fünf Jahre Nationalratswahlen statt. Und es gibt Kinderbücher, die genau diese Themen behandeln: subjektive Entwicklungsmöglichkeiten, Solidarität und Zusammenhalt sowie die Nebeneffekte parlamentarischer Demokratie. Reflektive stellt eine Auswahl der besten „politischen“ Kinderbücher vor:

Müssen nur wollen

SchülerInnen kennen die Erfahrung: nicht jedes Schulfach macht gleich viel Freude. Im Kinderbuch „Wenn die Ziege schwimmen lernt“ von Nele Moost und Pieter Kunstreich wird das Thema rund um individuelle Fähigkeiten und Entwicklungspotenziale auf die Spitze getrieben. Alle Tiere gehen darin zur Schule und bringen zu Beginn große Neugierde mit. Als die LehrerInnen (Pinguin der Schwimmlehrer, Affe der Kletterlehrer und Eule, die Fluglehrerin) den Stundenplan vorlesen, kommen schon erste Zweifel auf.

Denn die Ente, die sich in der ersten Stunde noch als Musterschwimmerin entpuppt, umklammert eine Schulstunde später genervt den Kletterbaum. Neben ihr bekommt das Pferd schon die erste Empfehlung für Nachhilfe. Im Flugunterricht kommt es bald zum Eklat. Die Raupe weigert sich, zu fliegen. Dies könne sie ihrer Ansicht nach vielleicht später einmal lernen. Sie fliegt darauf von der Schule. Die LehrerInnen fordern von ihren heterogenen TierschülerInnen mehr Anstrengung, mehr Bemühen ein und sind sich auch in ihrer Einschätzung über die SchülerInnen selten einig. Der Problemschüler Ameise ist beispielsweise beim Kletterlehrer hoch angesehen.

Durch den ganzen harten Schulalltag beginnt selbst die Ente im Schwimmunterricht abzufallen. Kein einziger Schüler ist mehr irgendwo sehr gut. Die LehrerInnen kommen zur finalen Einschätzung, alle ihre SchülerInnen wären gänzlich unbegabt und machen sich aus dem Staub. Die Tiere beginnen nun langsam wieder das zu tun, was ihnen Freude macht und worin sie gut sind. Ganz ohne Stundenplan. Die Erzählung sensibilisiert für das Spannungsfeld, das zwischen persönlichen Begabungen und Interessen liegt, und das was die Schule als Basiskenntnisse für alle vorgibt. Individuelle Entwicklungsfelder verschwinden leicht aus dem Blickfeld, wenn es darum geht, die ganze Klasse auf bestimmte Bildungsziele und Notenskalen auszurichten. Wenn SchülerInnen am Ende der Schulpflicht wissen, worin sie schlecht sind und was sie nicht können, dann hat das Bildungssystem keine Entwicklungsgeschichten (wie die der Raupe) hervorgebracht.

Ichlinge im Wahlkampfmodus

Demokratie besteht nicht nur aus Wahlen. Allerdings sind Wahlen für Kinder ein verständlicher Einstieg ins demokratische Denken. Das Buch „Ich bin für mich“ von Martin Baltscheit und Christine Schwarz  führt durch den Wahlkampf der Tiere. Lange Zeit gab es nur den Löwen, der sich laut brüllend zur Wahl zum König (einziges Manko des Buches, dass der Löwe kein Bundeskanzler werden will) aufstellt. Alle Tiere sind für ihn und nach der Wahl gibt es Freibier und Bockwurst für Alle. Diese Brot und Spiele-Phase wird durch die kleine Maus durchbrochen. Sie will eine wirkliche Wahl haben und stellt sich als Gegenkandidatin auf. Jetzt braucht es Wahlplakate.

Die Maus beherrscht dieses Metier: ihr Slogan „besser ich“. Alle anderen Tiere wollen nun auch mitspielen. Jede Tierart stellt ihren Kandidaten und bei der Wahlversammlung schwingen alle große Reden. Die Maus verspricht in ihrer Rede, den Spieß umzudrehen: Sie will sich als Königin dafür einsetzen, dass Mäuse Katzen fressen. Das Schaf macht mit seinem Slogan „Meine Wolle gehört mir!“ auf sich aufmerksam und die Ameise fordert „Mehr Arbeit für alle. 20 Stunden am Tag nicht genug“. Der Fisch blubbert etwas von einem Stausee, der in Zeiten der Dürre alle Tiere mit Wasser versorgen soll, doch niemand versteht ihn. Der Fuchs spricht sich mit einem Zwinkern zu den Gänsen für Länder ohne Grenzen aus. Am Wahltag erhält jeder Kandidat eine Stimme, es gibt eine Enthaltung. Der Löwe hat sich als einziger nicht selbst gewählt.

Ab nun bricht ein Chaos aus, weil alle neuen Könige ihre Versprechen sofort in die Tat umsetzen. Die Maus sucht nach kurzer Zeit den Löwen auf und startet eine Initiative. Der Löwe ruft alle Tiere zusammen und brüllt: Neuwahlen! Damit der Spannungseffekt – wie bei jeder Wahl – erhalten bleibt, wird das Ende nicht verraten. Das Buch besticht durch die einfache Logik, dass jedes Tier nur für seine Art Wahlversprechen macht und kein gemeinsamer Nenner gesucht bzw. ausverhandelt wird. Dies macht den WählerInnen von übermorgen klar, dass nicht jeder für sich Politik machen kann, sondern dass es eine Orientierung auf viele Bedürfnisse und ein Abwägen in der politischen Ausrichtung braucht. Eine auf Grundrechte und Teilhabe orientierte Demokratie eben.

Kleine Fische, große Fische

Gesellschaftliche Kräfte sind selten gleich. Es gibt stärkere und es gibt schwächere Positionen (gesetzlich legitimiert oder nicht), zum Beispiel bei Geschlechterverhältnissen, in familiären, generationalen Beziehungen, in der Arbeitswelt. Im Buch „Swimmy“ von Leo Lionni geht es um Kräfteverhältnisse unter Wasser. Swimmy ist ein kleiner schwarzer Fisch, er unterscheidet sich von den vielen anderen kleinen roten Fischen in seiner Meeresecke nur durch seine Schnelligkeit. Eines Tages kommt ein großer Fisch, dem es leicht fällt alle kleinen Fische zu fressen, Swimmy überlebt und das Abenteuer im großen Meer beginnt. Am Ende seiner Reise trifft er wieder auf viele kleine Fische, begeistert von seinen Erfahrungen lädt er die anderen ein, ihn zu begleiten. Doch die kleinen Fische sind verängstigt: wer will schon das Risiko eingehen allein und ohne Schutz ins große Meer hinaus zu schwimmen? Die Furcht seiner FischkollegInnen erzeugt in Swimmy einen Einfall: der Fischschwarm in Form eines großen Fisches ist geboren.

Swimmy bekommt als eine Art Erfinderlohn die Position des schwarzen Auges. Von nun an machen diese kleinen Fische das Meer mitsamt den großen Fischen unsicher. Die Botschaft „gemeinsam sind wir viele“ ist ein Urgedanke solidarischer Bewegungen. Gesellschaftliche Veränderungen brauchen Partizipation und auch Organisation. Die Gewerkschaftsgeschichte ist ohne die davor stattgefundene Ausbeutung von Einzelnen nicht erzählbar. Somit steckt in Swimmy bei weiterer Betrachtung ein Viktor Adler, eine Johanna Dohnal, oder auch ein Max Schrems.

 

Alle drei Bücher gibt es im Bestand der Städtischen Büchereien Wien.

  • Baltscheit, Martin/ Schwarz, Christine (2005): Ich bin für mich. Der Wahlkampf der Tiere. Zürich: Bajazzo Verlag.
  • Lionni, Leo (2004): Swimmy. Weinheim Basel: Beltz& Gelberg.
  • Moost, Nele/ Kunstreich, Pieter (2004): Wenn die Ziege schwimmen lernt. Weinheim Basel: Beltz.
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Anna Schopf