reflektive

Mangel: Das Fehlen von Etwas, das vorhanden sein sollte

Die Mangelberufsliste wird von der Regierung als Gradmesser für den Fachkräftemangel bewertet. Zudem gibt es Pläne die Liste zu regionalisieren. Am Problem des Mangels von guten Arbeitsbedingungen in Österreich wird dies jedoch nichts ändern. Immer weniger Betriebe bilden Lehrlinge aus, sondern holen lieber Arbeitskräfte aus Drittstaaten.

Worin besteht die arbeitsmarktpolitische Relevanz?

Die Mangelberufsliste hat zwei zentrale Hebelwirkungen: Zum einen ermöglicht sie Beschäftigten oder Arbeitssuchenden, die sich beruflich umorientieren wollen, ein sogenanntes Fachkräftestipendium. Die AMS-Ausbildungsrichtlinie orientiert sich an dieser Liste von Mangelberufen. Beim Fachkräftestipendium fördert das AMS Ausbildungen für maximal drei Jahre. Die Höhe des Fachkräftestipendiums entspricht dabei mindestens der Höhe des Ausgleichszulagenrichtsatzes abzüglich eines Krankenversicherungsbeitrages (im Jahr 2018 sind das täglich 28,80 Euro). Das Fachkräftestipendium wurde 2013 eingeführt und 2016 aufgrund der guten Nachfrage eingestellt („sistiert“), seit 2017 wurde es wieder weitergeführt. Im Regierungsprogramm ist nun vage von einer Evaluierung der arbeitsmarktpolitischen Effizienz des Fachkräftestipendiums die Rede.

Und zum Zweiten ist die Mangelberufsliste die Basis der Arbeitsmarktprüfungen des AMS für die Arbeitsmigration aus Drittstaaten (alle Länder außerhalb der EU oder dem EWR-Raum). Denn für Drittstaatsangehörige gibt es sonst wenige Möglichkeiten der qualifizierten Arbeitsmigration. Um die sogenannte Rot-Weiß-Rot-Karte zu erhalten braucht es neben der allgemeinen Voraussetzung des gesicherten Lebensunterhalts auch spezifische wie z.B. die Ausbildung in einem solchen Mangelberuf. Für Menschen, die in Österreich arbeiten wollen, erhöht es also ihre Chancen auf eine Rot-Weiß-Rot-Karte, wenn sich ihr Beruf auf der Mangelliste befindet.

Wie kommt die Liste zustande?

Einmal im Jahr legt das Sozialministerium die Mangelberufsliste „zur Sicherung des Wirtschafts- und Beschäftigungsstandortes“ gemeinsam mit dem Wirtschaftsministerium vor (§13 Ausländerbeschäftigungsgesetz, Fachkräfteverordnung). Ob ein Beruf oder ein Ausbildungsabschluss auf die Liste kommt, entscheidet die sogenannte Stellenandrangsziffer. Diese ergibt sich aus dem Wechselspiel von gemeldeten offenen Stellen beim AMS und dazu passenden beim AMS vorgemerkten Arbeitssuchenden. Sobald ein Berufsfeld über einen Zeitraum hinweg pro offene Stelle höchstens 1,5 Arbeitsuchende vermerkt, wird dieser der Liste hinzugefügt. Im Falle von Mangelindikatoren, wie etwa eine erhöhte Ausbildungsaktivität und überdurchschnittlich steigende Lohnentwicklung, können auch Berufe, in denen 1,8 Arbeitssuchende auf eine Stelle passen, in die Liste aufgenommen werden.

Ein Blick auf die Liste zeigt hauptsächlich technische Berufsfelder, die für die Baubranche und die Industrie relevant sind. Berufe wie ElementarpädagogInnen, LehrerInnen, HeimhelferInnen sucht man vergebens. Doch warum ist das so? Wo doch Elementarpädagoginnen und Pflegerinnen seit vielen Jahren händeringend gesucht werden. Ein Grund liegt darin, dass die Berechnungsmethode nur den formalen Stellenmarkt abdeckt und dass Jobausschreibungen im Bildungs- und Gesundheitsbereich nach einer anderen Logik (Planstellen) funktionieren. Die informelle Suche von ArbeitgeberInnen und Arbeitssuchenden bleibt in der Statistik also unberücksichtigt.

Die schwarz-blaue Regierung möchte die Mangelliste jedenfalls verändern und sie regionalisieren, wie es im Regierungsprogramm heißt. Begründet wird dies  damit, dass sich die legale Migration streng an den Bedürfnissen Österreichs orientieren soll. Weiters gehe es darum, eine differenzierte Arbeitsmarktlage in den Bundesländern beurteilen zu können.

Damit wären die KöchInnen die ersten, die auf die Liste ergänzt werden würden. In Westösterreich herrscht seit letzter Wintersaison ein KöchInnenmangel, der auch medial diskutiert wird. Laut Wirtschaftskammer werden gerade über 2.000 KöchInnen gesucht. Gleichzeitig gibt es in Ostösterreich viele arbeitssuchende KöchInnen. Ausländische KöchInnen würden durch eine Regionalisierung der Mangelberufsliste leichter in Westösterreich arbeiten können. Der Bedarf wäre von Saison zu Saison überbrückt, und das Fortbestehen der „Augen zu“-Strategie bei den Arbeitsbedingungen (Arbeitszeiten, gesundheitliche Belastungen, niedrige Bezahlung) wäre gesichert. Die arbeitssuchenden Wiener KöchInnen hingegen werden – wenn es nach den Plänen der neuen Regierung geht – in die Mindestsicherung gedrängt, weil sie sich angeblich im Kurz`schen Sinne „durchschummeln“ wollen. Im Burgenland finden Betriebe dann sicher genug ungarische KöchInnen.

Der medial vermittelte Zuwachs von 12 im Jahr 2017 auf 27 Mangelberufen im Jahr 2018 ist nicht gleichzusetzen mit einem wachsenden Bedarf an fehlenden Fachkräften. Einiges deutet auch auf eine, wenn auch allgemein formulierte, Berufsdifferenzierung hin: zu den alt bekannten Mangelberufen wurden neue Kategorien wie „sonstige TechnikerInnen“ oder „sonstige SpengerInnen“ ergänzt. Und schon sind es zwei Mangelberufe mehr.

Änderungen zum Jahr 2017

Was fehlt tatsächlich?

In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der Lehrbetriebe um mehr als ein Viertel gesunken. Waren es 2007 noch 38.132, so gab es 2016 nur noch 28.204 Lehrbetriebe. Neben der Zahl der Ausbildungsbetriebe ist auch die Anzahl der Lehrlinge relevant. Seit 2006 gibt es auch einen Rückgang um 15% an Lehrlingen (19.012 Jugendliche). Es zeigt sich, dass genau in jenen Branchen, in denen die Lehrbetriebe auslassen, auch massiv die Lehrlingszahlen zurückgehen. Es ist daher nur eine Frage der Zeit bis sich durch den Lehrbetriebsmangel ein Fachkräftemangel herausbildet.

Ausbildungsqualität für Lehrlinge ist nicht zu entkoppeln mit allgemeinen Arbeitsbedingungen, wie Arbeitszeitregime oder Lohnentwicklung. Und hier sind wir wieder bei den KöchInnen. Wo „auf Saison“ übersetzt heißt, befristete Jobs bis zum Umfallen bei niedriger Bezahlung, wird es bei den Arbeitssuchenden einen Mangel an Interesse geben, genau in diesen Betrieben arbeiten zu wollen. Dabei tragen WirtschaftskammervertreterInnen, die den Fachkräftemangel am Lautesten beklagen,  Mitverantwortung, sowohl bei der Ausgestaltung der Arbeitsbedingungen als auch beim Ausbildungsengagement.

Für die Arbeitsmarktpolitik kann die Mangelberufsliste aber auch ein systematischer Ausgangspunkt für die Analyse sein, um einen Mangel an qualitativ guten Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen am formellen Arbeitsmarkt festzustellen. Die bestehenden Probleme am österreichischen Arbeitsmarkt kann jedoch keine Mangelberufsliste lösen. Drei Bereiche wären dafür entscheidend: Arbeitszeit- und Lohnpolitik und eine qualitätsorientierte Qualifizierungs- und Ausbildungspolitik.

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Anna Schopf