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Gender Pay Gap: Alles andere als Zahlenspielerei

Über die Einkommensunterschiede zwischen den Geschlechtern (dem „Gender Pay Gap“), geistern die unterschiedlichsten Zahlen durch die Diskussion. Oft heißt es inzwischen, sie seien „erfunden“, „übertrieben“ oder „nicht wissenschaftlich“. Rund um den 8. März, dem Internationalen Frauentag, wollen wir uns dem Phänomen Gender Pay Gap (das übrigens weltweit beobachtet werden kann) aus unterschiedlichen Perspektiven widmen. Den Anfang macht ein Überblick über die aktuellen Zahlen und die ihnen zugrundeliegenden Berechnungsmethoden:

1. Einkommensdifferenz 38,4 Prozent

Beginnen wir gleich bei der größten Lohnlücke zwischen den Geschlechtern: 38,4 Prozent. Sie ergibt sich beim Vergleich der Bruttojahresgehälter aller unselbstständig Erwerbstätigen in Österreich. In Zahlen ausgedrückt heißt das: Männer erzielen im Mittel („Median“) ein Bruttojahreseinkommen von 33.012 Euro, Frauen ein Bruttojahreseinkommen von 20.334 Euro.

Das Median-Einkommen zeigt die Mitte der Einkommen an: Genau die Hälfte der Männer in Österreich hat ein Einkommen unter 33.012 Euro und genau die andere Hälfte ein Jahreseinkommen darüber.

Die Statistik Austria berechnet diesen Wert jährlich anhand der Lohnsteuerdaten der in Österreich Beschäftigten. Die Daten beinhalten sämtliche lohnsteuerpflichtigen Einkünfte der unselbstständig Erwerbstätigen und sind somit sehr genau. Sie geben darüber Auskunft, wie groß der Einkommensunterschied in absoluten Zahlen ist (das heißt, wie groß der Unterschied ist, den Männer und Frauen jährlich an Einkommen zur Verfügung haben) und sie veranschaulichen, welche Auswirkungen diese Unterschiede auf die soziale Absicherung von Frauen haben: Denn das Bruttojahresgehalt ist Ausgangslage zur Berechnung der Pensionsbeiträge und damit der zukünftigen Pension, aber auch des Krankengeldes, des Arbeitslosengeldes und der daran anschließenden Notstandshilfe. Auch die Höhe des Rehabilitationsgeldes nach Unfällen oder schweren Erkrankungen wird aus dieser Summe bemessen.

2. Einkommensdifferenz 17,3 Prozent:

Für diese Kennzahl werden von der Statistik Austria die Bruttojahresverdienste der ganzjährig Vollzeitbeschäftigten miteinander verglichen. 17,3 Prozent beträgt der Einkommensunterschied bereinigt um den Teilzeitfaktor und die Erwerbsarbeitsunterbrechung.

Wie viel bewegt sich im Kampf gegen die Einkommensunterschiede? Innerhalb von 10 Jahren sank die geschlechtsspezifische Einkommensdifferenz von 22,0% 2005 auf 17,3% 2015.

3. Einkommensdifferenz 21,7 Prozent

Oft wird auch von einem Gender Pay Gap von rund 22 Prozent (21,7 Prozent) diskutiert. Hier handelt es sich um den Vergleich der durchschnittlichen Bruttostundenlöhne der unselbstständig Beschäftigten in der Privatwirtschaft (Unternehmen ab 10 MitarbeiterInnen).

Das EU-Statistikamt „Eurostat“ publiziert jedes Jahr den Gender Pay Gap für alle Mitgliedsstaaten auf Basis der Bruttostundenlöhne. 2015 betrug dieser in Österreich 21,7 Prozent – EU-weit lag er bei 16,3 Prozent.

Verdienststrukturerhebung
Basis der Eurostat-Daten ist die Verdienststrukturerhebung („Structure of Earnings Survey“), die alle vier Jahre (zuletzt 2014) in allen EU-Ländern nach harmonisierten Standards durchgeführt wird. Die Werte des Gender Pay Gaps für die Jahre zwischen den Erhebungen werden geschätzt.

Bei der Untersuchung werden alle Unternehmen der Privatwirtschaft mit mehr als 10 MitarbeiterInnen verpflichtend befragt. Für Österreich sind dies 11.800 Unternehmen, die rund 216.000 unselbstständig Beschäftigte repräsentieren. Die Ergebnisse werden durch Register- und Verwaltungsdaten ergänzt (z.B. Daten des Hauptverbands der österreichischen Sozialversicherungsträger, Lohnsteuerdaten, Bildungsstandregister).

Für Österreich ergibt sich das Problem, dass mehr als 25 Prozent der ArbeitnehmerInnen bei Unternehmen mit weniger als 10 MitarbeiterInnen beschäftigt sind. Die Lohndaten dieser großen Gruppe von ArbeitnehmerInnen fließen also nicht in die Verdienststrukturerhebung mit ein.

Interessantes Detail: Eurostat berechnet das Lohngefälle anhand der Differenz der Stundenlöhne aller Beschäftigten mit den durchschnittlichen Bruttostundenverdiensten der Männer. Würde die durchschnittlichen Einkommen der Frauen mit jenen der Männer verglichen werden (wie es die Statistik Austria macht), wären die Einkommensunterschiede auf EU-Ebene deutlich höher.

4. Einkommensdifferenz 13,6 Prozent

Zuguterletzt lohnt sich noch ein Blick auf die Herkunft der Einkommensunterschiede. Die Arbeitsmarktforschung spricht in diesem Zusammenhang von erklärbaren bzw. unerklärbaren Einkommensunterschieden. Erklärbar sind sie dann, wenn sie auf besondere Merkmale wie Branche, Beruf, Bildungsniveau, Alter, Dauer der Unternehmenszugehörigkeit, Ausmaß der Beschäftigung, Art des Arbeitsvertrags, Region und Unternehmensgröße zurückzuführen sind. Das sogenannte „Oaxaca-Blinder-Dekompositionsverfahren“ berechnet für jeden dieser Faktoren einen Koeffizienten, der den Einfluss auf die Gehaltsdifferenz beziffert. Weitere Informationen zur Methode finden sich in der Studie der Statistik Austria, aus der auch die folgenden Zahlen stammen.

Für die Studie wurde die Verdienststrukturerhebung aus dem Jahr 2014 von Eurostat herangezogen und somit die für 2014 erhobenen Einkommensunterschiede von 22,2 Prozent. Die Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass lediglich 8,6 Prozent der 22,2 Prozent Einkommensunterschiede  erklärt werden können. Der überwiegende Anteil, 13,6 Prozent, wird jedoch nicht durch die erfassten Merkmale ersichtlich. Dies bedeutet allerdings nicht, dass der „Faktor Frau“, also das Maß der Diskriminierung, bei 13,6 Prozent liegt. Denn man muss davon auszugehen, dass es noch weitere bisher nicht erkannte lohnrelevante Merkmale gibt, die die Einkommensstruktur der Geschlechter beeinflussen. Österreich liegt mit dem Anteil von 13,6 Prozent weiters im europäischen Mittelfeld. Auch in den meisten anderen EU-Ländern kann weniger als die Hälfte der Einkommensunterschiede durch beobachtbare Faktoren erklärt werden.

5. Mit welchen Daten wird der Equal Pay Day ermittelt?

Der Equal Pay Day markiert jedes Jahr den Tag, ab dem Frauen in Österreich aufgrund der Einkommensunterschiede bis zum Jahresende gratis arbeiten. Zur Berechnung des Tages werden die durchschnittlichen Bruttostundenlöhne von Männern und Frauen miteinander verglichen. Der Equal Pay Day wurde 2017 dementsprechend am 13. Oktober – 80 Tage vor Jahresende – begangen.

Resumée

Anhand der Aufstellung wird deutlich, dass es mehrere Methoden gibt, um den Gender Pay Gap zu berechnen. Sie alle sind evidenzbasiert und wissenschaftlich begründet, dienen mit ihren Ergebnissen jedoch unterschiedlichen Zwecken. Anhand der Eurostat-Zahlen lassen sich etwa die Gender Pay Gaps europaweit vergleichen. Mit den Zahlen der österreichischen Lohnsteuerstatistik lassen sich die Unterschiede um einiges genauer berechnen. Allein der Umstand, dass es unterschiedliche Zahlen zum Gender Pay Gap gibt, heißt nicht, dass die einzelnen Ergebnisse falsch oder ungenau wären, wie in der öffentlichen Diskussion des öfteren suggeriert wird. Wer so etwas behauptet, hat entweder von Empirie keine Ahnung oder möchte sich einfach nicht damit auseinandersetzen, dass Frauen immer noch so viel weniger mit Lohnarbeit verdienen als Männer.

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Ina Freudenschuss

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