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Familienbonus: Der Online-Rechner des Finanzministers schwindelt (doch nicht so offensichtlich)… Update 5. Juli 2018

Update 5. Juli 2018

Der quasi zur historischen Aufrichtigkeit weiter unten angeführte Artikel ist in einem recht entscheidenen Punkt nicht richtig.

Der Familienbonus-Rechner des Finanzministeriums wirft nicht falsche Zahlen aus, wie das Finanzministerium in einer Aussendung betont. Nachgerechnet haben wir nicht, aber die Erklärung des Finanzministeriums, warum der im Online-Rechner ausgewiesene Familienbonus höher sein kann, als die zu entrichtende Lohnsteuer, ist zumindest rechtlich richtig.

Wir hatten festgestellt, dass die im Rechner berechnete Lohnsteuer niedriger ist, als der angegebene Familienbonus und das nicht richtig sein kann.

Das Finanzministerium führt dazu an, dass…

…zuerst der Familienbonus von der errechneten Steuerlast abgezogen…

…und erst danach der Verkehrsabsetzbetrag abgezogen wird (der auch als Negativsteuer ausbezahlt werden kann).

Das ist zugegebenerweise eine Erklärung dafür, dass der ausgewiesene Bonusbetrag höher ist, als die ausgewiesene Lohnsteuer.

Zu den weiteren Kritikpunkten des Beitrags nimmt das Finanzminiszerium nicht Stellung.

Wir entschuldigen uns bei unseren LeserInnen für diesen Fehler, weisen aber darauf hin, dass er schon auch etwas über die Konstruktion des Familienbonus aussagt und über den Rechner (auch wenn der Fehler selbstverständlich uns passiert ist). Am allermeisten ärgert uns selbstverständlich, dass wir dieser Regierung, die Zwölf-Stunden-Tage einführt und dafür die Notstandshilfe abschaffen sowie das System der Sozialen Sicherheit zerstören will, einen Grund gegeben haben, uns berechtigt zu widerlegen.

Es folgt:

  • Die Aussendung des Finanzministeriums (die irgendwie eh auch witzig ist, aber lesen Sie selbst)
  • Der hier korrigierte Artikel, wie er am 4. Juli 2018 erschienen ist

OTS0205 5 II 0294 NFI0002                             Do, 05.Jul 2018

 

Wirtschaft und Finanzen/BMF/Familienbonus

 

BMF: Online-Rechner zum Familienbonus ist korrekt – familienbonusplus.at

 

Utl.: Auf diversen Seiten werden Unwahrheiten verbreitet, aber BMF

stellt klar: Berechnungsergebnisse zum Familienbonus stimmen =

 

Wien (OTS) – Der gestern im Parlament beschlossene Familienbonus Plus ist die bisher größte Entlastungsmaßnahme aller Zeiten für Familien. Ab 1. Jänner 2019 werden Menschen entlastet, die arbeiten und Kinder haben. Das ist eine gute Nachricht und ein deutliches Zeichen der Wertschätzung für Österreichs Familien.

 

Dennoch wird von verschiedenen Seiten versucht, diese Maßnahme schlechtzureden. Unwahrheiten werden verbreitet und Unsicherheiten in der Bevölkerung geschürt, aber die Fakten sprechen eine andere Sprache.

 

Der erweiterte Brutto-Netto-Rechner, mit dem sich die Österreicherinnen und Österreicher nun auch ihren Familienbonus Plus berechnen können, ist korrekt. Hier erklären wir Ihnen warum:

 

Selbstverständlich basieren die Berechnungsergebnisse auf den eingegebenen Zahlen und Angaben, die gemacht wurden. Die Behauptung, dass der Familienbonus Plus sich erst ab 1.830 Euro pro Monat ganz auswirkt ist allerdings völlig falsch, da der Familienbonus Plus als erster Absetzbetrag abgezogen werden muss. Dies ist im § 33 des Einkommensteuergesetzes 1988 geregelt.

Bei einem Betrag von 1.708 Euro pro Monat fällt eine Steuer von 1.500 Euro im Jahr vor Abzug der Absetzbeträge an, weshalb sich der Familienbonus Plus bereits ab diesem Betrag voll auswirkt.

 

Anders als behauptet, geht auch der Verkehrsabsetzbetrag nicht verloren. Warum? Der Verkehrsabsetzbetrag wird nach dem Familienbonus abgezogen. Sollte nach Berücksichtigung des Familienbonus die Steuer bereits auf null Euro reduziert sein, geht auch dann der Verkehrsabsetzbetrag nicht verloren, da dieser voll rückerstattungsfähig ist.

 

Lassen Sie sich also nicht von diversen Webseiten in die Irre führen. Die Ergebnisse des Online-Rechners auf familienbonusplus.at sind korrekt und der Familienbonus Plus bleibt die bisher größte Entlastungsmaßnahme für Familien.

 

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Rückfragehinweis:

Bundesministerium für Finanzen, Pressestelle

(+43 1) 514 33  501 030 oder 501 031

bmf-presse@bmf.gv.at

http://www.bmf.gv.at

Johannesgasse 5, 1010 Wien

~

 

Digitale Pressemappe: http://www.ots.at/pressemappe/53/aom

 

*** OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS – WWW.OTS.AT ***

 

OTS0205    2018-07-05/15:38

 

051538 Jul 18

 

Der Familienbonusrechner des Finanziministeriums zeigt höhere „Familienboni“ an, als es überhaupt geben kann. Und zwar gleich um mehrere hundert Euro pro Jahr. Schwer vorstellbar, dass der „Fehler“ unbewusst passiert ist.

„Berechnen Sie Ihren persönlichen Vorteil mit unserem erweiterten Brutto-Netto-Rechner“, wirbt die Homepage des Finanzministeriums. Doch die Ergebnisse des Brutto-Netto-Rechners sind für einen großen Teil der ArbeitnehmerInnen falsch. Der Familienbonus wird größer dargestellt, als er sein kann. Darüber hinaus werden wichtige Fragen, die zur Bewertung der Wirkung wesentlich sind, nicht gestellt. So wird etwa nicht gefragt, wer den Bonus erhalten wird. Für viele NutzerInnen muss es daher so aussehen, als ob jedes Elternteil einen Bonus bis zu € 1.500 im Jahr erhält.

Das Ganze sieht nach billiger Stimmungsmache mit falschen Zahlen und unvollständiger Information aus. Zur Wirkung des Familienbonus haben wir bereits berichtet (Familienbonus: Väterbonus für Gutverdienende und viel Ideologie).

Der Rechner schwindelt

Wer das mittlere Einkommen von Frauen von etwa € 1.500 brutto im Monat in den Rechner eingibt, erfährt, dass er oder sie im Jahr 2019 ein zusätzliches Nettoeinkommen von € 1.021,60 im Jahr auf Grund des Familienbonus erhalten soll. Diese Auskunft muss falsch sein, denn nur vier Zeilen über dieser Auskunft ist zu lesen, dass die betreffende Person nur € 738,98 an Lohnsteuer pro Jahr entrichtet. Der Familienbonusrechner will den NutzerInnen also einreden, dass der Steuerabsetzbetrag höher als die zu bezahlende Steuer sein wird. Und das ist selbstverständlich ein Blödsinn. Das gibt das Finanzministerium auch an anderer Stelle zu, an der es heißt: „Begrenzt ist der Familienbonus Plus nur durch die Höhe der eigenen Einkommensteuer und die absolute Höhe des Familienbonus von 1.500 Euro pro Kind.“ Es ist also nicht möglich, dass der Familienbonus höher ist, als die zu bezahlende Steuer.screenshot des Familienbonusrechners bei 1.500 Euro Bruttoeinkmmen

Wie es scheint, hat das Finanzministerium bei der Berechnung des Familienbonus den sogenannten „Verkehrsabsetzbetrag“ von 400 € im Jahr außer Acht gelassen, den alle unselbständig erwerbstätigen Menschen automatisch erhalten. Außerdem verschleiert der Rechner auch andere Maßnahmen, die mit dem Familienbonus nichts zu tun haben. Das kann allerdings wohl kaum irrtümlich passiert sein, nachdem bereits mehrfach – auch von reflektive – darauf hingewiesen wurde, dass die Angaben des Finanzministers zur Wirkung des Familienbonus falsch sind. Zumindest bis zu einem monatlichen Bruttoeinkommen von 1.830 €, je nach Familienkonstellation aber auch weit darüber hinaus.

Der Rechner stellt die falschen Fragen

Die individuelle Wirkung des Familienbonus hängt nicht nur vom individuellen Einkommen ab, sondern auch von anderen Entscheidungen der Eltern (die bisweilen nicht ganz konflliktfrei herzustellen sein werden). So wird ist in der Mehrheit der Partnerschaften ökonomisch zielführend, dass nur die Männer mit den deutlichen höheren Einkommen den Bonus beantragen werden. Im Falle einer Teilung auf beide Elternteile würde nämlich Geld verloren gehen. Die Frage, ob eine Person den Bonus aber überhaupt und unter welchen Bedingungen in Anspruch nehmen wird, stellt der Rechner gar nicht. Auf diese Weise kann der Eindruck entstehen, dass jede Person, die ein Kind hat, den Bonus in voller Höhe erhalten kann. Das ist aber falsch. Für die Mehrheit der Menschen in diesem Land wird es keinen Familienbonus geben. Schon gar nicht den vollen…

Bewusste Irreführung?

Der Rechner des Finanzministeriums ist so gestaltet, dass den NutzerInnen die wesentlichen Fragen gar nicht gestellt werden und darüber hinaus insbesondere bei Einkommen unter € 1.830 brutto im Monat falsche Ergebnisse angezeigt werden. Dieser mit Steuergeldern bezahlte Rechner ist daher keine sachliche und amtliche Information, sondern ein pures Propagandainstrument. Es stellt die Realität falsch dar, um die Politik der Regierung in einem besseren Licht erscheinen zu lassen. Das ist tatsächlich ein neuer Stil in der Politik.

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Lukas Wurz