reflektive

Es ist Zeit – Serie über Zeitverwendung, Zeitverteilung und Zeitpolitik

Zeit scheint auf den ersten Blick gleich verteilt: wir alle haben 24h/Tag. Unsere Tagesabläufe beschreiben allerdings viele verschiedene Zeitwelten: nicht alle haben Zeit für dieselben Tätigkeiten. Die Merkmale der Sozialstruktur, wie Alter oder Geschlecht, sind deutlich in die Zeitstruktur eingeschrieben und sagen viel über unsere zeitlichen Freiheitsgrade aus.

Aktuelle Zeitverwendungsforschung

Zeitverwendung ist seit dem Beginn der Soziologie als Disziplin und damit fast zeitgleich mit dem Beginn der  industriellen Revolution Forschungsgegenstand. In viele Ländern wie England, Schweden gibt es eine lange Forschungstradition und Zeit ist seit langem Bestandteil der statistischen Erfassung. In Österreich gibt es diese systematische Erfassung durch die Statistik Austria seit den 1980iger Jahren. Insgesamt gibt es drei Zeitverwendungserhebungen: 1981, 1992 und 2008/9. Die letzte Erfassung orientierte sich an den Eurostat-Richtlinien und wurde an vier Tagen über das ganze Jahr verteilt erhoben (jeweils ein Tag pro befragter Person), um die Verzerrung durch saisonale Effekte abzufedern.

Es gibt in der Europäischen Union keine verbindliche Regelung zur Zeitverwendungserfassung durch die nationalen Statistikbehörden. Alle zehn Jahre werden in den EU-Ländern zwar Surveys durchgeführt, aber es werden je nach Land  unterschiedliche Methoden verwendet. Die nächste Erfassung ist für 2020 geplant. Gerade die Länder, die schon lange Zeitforschung betreiben, haben wenig Interesse diese in Form von EU-Verordnungen durchzuführen. Die jeweils nationalen Daten werden lieber hinterher mit großen Aufwand harmonisiert.

Tagebuchdokumentation als Datenbasis

Die Erfassung geschieht in Österreich anhand einer Substichprobe aus der Mikrozensus-Erhebung. Diese Datenkoppelung hat den Vorteil, dass die Informationen aus dem Mikrozensus (Haushalt, Bundesland, Beschäftigung, etc.) vorliegen und dann auch für ganz Österreich hochgerechnet werden können. Die Teilnahme erfolgt freiwillig und umfasste von März 2009 bis April 2009 8.234 Personen ab 10 Jahren. Befragte wurden anhand eines Tagebuchblatts gebeten, ihren Tag „in eigenen Worten“ in Viertelstunden-Einheiten zu dokumentieren. Dabei wurde in Haupttätigkeit und Nebentätigkeit unterschieden und zusätzliche Merkmale miterfasst wie Ort oder mitanwesende Personen. Die statistische Aufarbeitung dieser Daten ist zeitaufwendig. Alleine die Eintragungen müssen den über 300 Tätigkeitskategorien und dann den sieben Hauptgruppen zugeordnet werden. Pro Befragten/r gibt es 84 Zeiteinheiten, die eingegeben werden müssen (in der Nacht wird nur halbstündlich dokumentiert).

Wie sieht nun unser durchschnittlicher Alltag aus?

Basierend auf allen Befragten und Tagesabläufen lässt sich ein durchschnittlicher Tag abbilden. Die Grafik macht deutlich, welche Tätigkeiten mit welchem Anteil zu welcher Tageszeit ausgeübt werden. Zu den blauen Tätigkeiten gehören Grundbedürfnisse wie Schlaf, Essen und Körperpflege. So ist erkennbar, dass ca. die Hälfte der ÖsterreicherInnen im Jahr 2008/9 kurz vor sieben in der Früh aufsteht, unter der Woche sind mehr als die Hälfte schon um 6:30 Uhr wach. Die Mittagspause ist zwischen 12 Uhr und 13:30 Uhr ebenso gut zu sehen wie das Abendessen. Ab 22 Uhr abends beginnt die kollektive Nachtruhe. Die Erwerbsarbeit ist in der türkisen Farbe dargestellt und zeigt, dass ab 8:00 bis 18:30 ein hoher (durchschnittlicher) Beteiligungsgrad herrscht. Hauptzeit für soziale Kontakte bildet der Nachtmittag und der frühe Abend während die Haushaltstätigkeiten am Vormittag den größten Anteil der Beteiligten erfahren. Die Primetime gehört dem Fernsehen als Haupttätigkeit.

Quelle: Statistik Austria

Sag mir wofür du Zeit verwendest und ich sag dir wer du bist!

Der Tagesverlauf ist in Bezug auf die persönlichen Tätigkeiten und Freizeitgestaltung lebensphasenspezifisch, zudem kommen Unterschiede zwischen den Geschlechtern bei der Erwerbs-, Familien-, und Haushaltsarbeit hinzu. Gerade in der Altersphase zwischen 20 bis 60 Jahren gehen diese Lebensbereiche, was die geschlechtsspezifische Zeitverwendung betrifft, auseinander. Als Ursachen kommen die Bedingungen des Arbeitsmarkts und die Rahmenbedingungen der Kinderbetreuung, aber auch die tradierten Rollenverständnisse in Frage. Auch augenscheinlich: bei jungen Menschen gibt es bei der Tagesstruktur die wenigsten Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Nur der Anteil der Haushaltstätigkeiten ist bei jungen Frauen bereits größer als bei jungen Männern, und zwar zulasten der Freizeitaktivitäten.

Quelle: Statistik Austria

Zeitforschung hat das Potenzial, die fragmentierten Politik- und Lebensbereiche in eine Systematik zu bringen und die Grundlage für eine ganzheitliche Zeitpolitik zu schaffen. Die reflektive-Serie hat das Ziel, die zentralen Ergebnisse der Zeitverwendungsforschung einer gesellschaftspolitischen Debatte zugänglich zu machen. In den nächsten Wochen sind folgende Serienteile geplant: Zeit und Erholung (Schlaf), Zeit und Arbeit, Zeit und Familie, Zeit und Freizeit.

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Anna Schopf