reflektive

Dialog(ik) außerhalb der Komfortzone

„Logik für Demokraten“ gibt einen Einblick ins Handwerkszeug von Populisten, ihre Strategien und Vermittlungstaktiken. Eine Buchempfehlung.

Populismus mag Inhalte haben, aber vor allem ist Populismus ein Set von Verhaltensweisen, die Begründung ersetzen, meint Daniel-Pascal Zorn in seinem Buch „Logik für Demokraten – eine Anleitung“. „In meinem Buch geht es darum, zur Versachlichung der Debatte beizutragen, indem man denjenigen, die vorher sprachlos waren oder nur mit aggressiver Abwehr reagieren konnten, ein sachliches Werkzeug in die Hand gibt. Es geht darum, das Publikum, das der populistisch Argumentierende durch „Überwältigungsreden“ in seine Gedankenwelt zu zwingen versucht – und dabei darauf angewiesen ist, dass der zu Überwältigende stillhält –, mit analytischer Aufmerksamkeit für die dabei verwendeten Strategien auszustatten“, erläutert der Autor zum Buch in einem Blogbeitrag.

In der Auseinandersetzung mit rechtsextremistischen Positionen wandten Menschen in den letzten Jahrzehnten viel Energie auf, um rassistische, klassistische und chauvinistische Narrative zu entlarven und richtig zu stellen. Das ist mit Sicherheit eine wichtige Aufgabe. Der genauere Blick auf die Art und Weise, wie PopulistInnen in ihrer Kommunikation agieren, wurde dabei aber wenig beachtet.

Das Handwerkszeug von PopulistInnen

Autor Zorn untersucht in seinem Buch die Grundstrukturen populistischer Agitation nicht etwa nach politischen, sondern nach diskurstheoretischen Kategorien: Populismus, so Zorn, verlangt zwangsläufig nach einer absoluten „Wahrheit“. Die Aussage „Wir sind unten – die sind oben“ bedarf keiner weiteren Erläuterung, da fast jeder Mensch sich in diesem Bild wiedererkennt. Die Phrase schafft also Anschlussfähigkeit, ohne dass es die Notwendigkeit einer Erläuterung gäbe: etwa zu klären, wer genau „wir“ sein soll oder wer genau „die“.

Diese dogmatische, angebliche Wahrheit reduziert für jene, die sich in ihr – warum auch immer – wiederfinden können, jeglichen Entscheidungsspielraum: zähle ich zu „wir“ oder zu „die“? Mit dieser erzwungenen Zuordnung entsteht ein „falsches Dilemma“: Wenn „die“ etwa „Billigstarbeitskräfte aus anderen Ländern holen, um die Löhne zu drücken“, so verschwinden hinter der dogmatischen Wahrheit alle Handlungs- und Interpretationsspielräume: Wird die Aussage als „richtig“ akzeptiert, so bleibt keine andere Alternative, als „die“ zu bekämpfen. Wird sie als „falsch“ bewertet, zählt eine Person zum für die behauptete Problemlage verantwortlichen Feindbild (oder zumindest zu dessen UnterstützerInnen). Es bleibt weder intellektueller Spielraum zur Überprüfung der Aussage an sich noch die Freiheit, Alternativen zwischen „akzeptieren“ und „mit allen Mitteln dagegen auftreten“ zu suchen und zu finden.

PopulistInnen im Dauerdilemma

Dieses Grundelement populistischer Agitation, so Zorn, hat Vorteile und Nachteile für populistische Politik: Einerseits ist es eben anschlussfähig und erlaubt klare Feindbilder. Wer sich der Grundannahme nicht unterwirft, ist quasi FeindIn. Zum anderen wird das absolute Dogma, das den Kern populistischer Agitation ist, zwangsläufig regelmäßig von der Realität widerlegt und gefährdet damit den Wahrheitsanspruch. An dieser Stelle geraten Mittel und Strategien wie etwa die Konstruktion von „PappkameradInnen“ als Zerrbilder (also etwa Menschen, die zu dumm oder zu naiv sind, um die angebliche Realität zu erkennen; oder Menschen, die angeblich ein persönliches Interesse daran haben, dass der behauptete Missstand bestehen bleibt) und die Inszenierung als Opfer in den Mittelpunkt des Diskurses: Wenn doch etwa FeministInnen, UmweltschützerInnen, MuslimInnen, JüdInnen, AtheistInnen, die katholische Kirche, VegetarierInnen und RadfahrerInnen sowie alle anderen Linksradikalen behaupten, dass eine populistische Grundwahrheit falsch sei, dann muss sie doch – viel Feind, viel Ehr‘ – richtig sein. Und konsequenterweise wird der oder die VertreterIn der dogmatischen Wahrheit somit zum verfolgten Opfer der gottlosen linksradikalen, vegetarisch-feministischen muslimischen Radfahrer-KatholikInnen und deren vom chinesischen Geheimdienst fabrizierten Umwelt- und Klimaschmäh.Die Opferrolle ist also keine Folge einer unglücklichen Kommunikatio, sondern elementarer, unverzichtbarer Bestandteil des Auftretens von PopulistInnen. Und als positiver Nebeneffekt ist die Wahrscheinlichkeit, dass potentielle Gläubige der Grundwahrheit jeweils zu wenigstens einer der aufgezählten Gruppen irgendwie im Konflikt stehen, ziemlich groß. Die anderen können im Feindbild gleich mitgenommen werden.

Der Autor hält sich übrigens nicht mit Beispielen auf, sondern erläutert, wie Menschen von derartigen Denkmustern angezogen und gewonnen werden: Was in ihrem Kopf abgeht…

Liberale Demokratie als Frage der Logik

Und noch etwas leistet „Logik für Demokraten“ in hervorragender Weise: Er begründet die liberalen Elemente von Freiheit, Gleichwertigkeit von Menschen und liberaler Demokratie nicht emotional, sondern tatsächlich mit den Regeln der Logik. Und diese intellektuelle (und nicht etwa moralische, politische oder emotionale) Begründung ist etwas, das vielen fortschrittlich orientierten Menschen im Alltagsgebrauch verloren gegangen ist: Zu lange wurden die Grundsätze liberaler Demokratien quasi so absolut sicher und beständig angesehen, als das eine grundsätzliche Begründung (rein technisch betrachtet) notwendig gewesen wäre .

Darüber hinaus trennt Zorn Populismus als Methode vom Inhalt einer Aussage: Populismus ist ein Mittel, das er unabhängig vom dahinterliegenden politischen Inhalt betrachtet. Das ist zwar ein bisserl ein Schmäh, da linkspopulistische Positionen im Buch nur sehr kurz angedeutet werden, während sich der Autor durchgängig an rechtsextremistischen Positionen abarbeitet. Die – gut erläuterte – Trennung erlaubt aber den LeserInnen etwa, einen Schlussstrich unter einer ziemlich absurden Debatte zu ziehen: Ist die FPÖ (oder die AfD, oder die Lega, oder die Fronte National,…) rechtsextremistisch oder rechtspopulistisch. Da Zorn Gesprächsmittel und nicht vordergründig Argumente bearbeitet, stellt sich die Frage nicht. Die Inhalte einer Partei können rechtsextremistisch sein und ihr Kommunikationsstil populistisch. Populismus steht nämlich nicht für Inhalt, sondern für die Form.

All das und noch einiges mehr dient Zorn der Darstellung zur Erarbeitung aus seiner Sicht möglicher Gegenstrategien: PopulistInnen in Gesprächsituationen zu bringen, in denen sie entweder zuzugeben müssen, dass sie etwas Falsches verbreiten, oder aber aufstehen und wutentbrannt als VerliererIn das Gesprächsfeld zu verlassen. Zu diesem Zweck bietet Zorn von Aristoteles niedergeschriebene und Sokrates zugeschriebene Diskursmittel an: im Wesentlichen freundliches Rückfragen an Punkten, an denen sich PopulistInnen zwangsläufig in Widersprüche verheddern müssen. Die vorgeschlagene Strategie ist durchaus interessant und lesenswert und mag in einer im Fernsehen übertragenen Debatte zwischen SpitzenpolitikerInnen auch zu etwas führen, im Alltag funktioniert sie aber eher nicht. Niemand gewinnt nämlich etwas, wenn Onkel Franz entweder als Verlierer dasteht oder empört von der Familienfeier abrauscht.

Ein bisserl Background zum Buch und seiner Entstehung

2017 war nicht so ganz das Jahr des Daniel-Pascal Zorn. Der Philosoph hatte sich mit einer 2015 und 2016 mit einem Philosophie-Blog und der Kolumne „Na logisch!“ in der Zeitschrift „Hohe Luft“ sowie zahlreichen Medienauftritten zu philosophischen Fragen geäußert und dabei auch aktuelle Ereignisse bearbeitet. Ein guter Teil seiner Texte beschäftigten sich mit Rechtspopulismus. Zu öffentlicher Aufmerksamkeit gelangt fabrizierte Zorn aus seinen Kolumnen das Buch „Logik für Demokraten – eine Anleitung“ und schob auch noch – gemeinsam mit Per Leo und Maximilian Steinbeis – das Buch „Mit Rechten reden – Ein Leitfaden“ nach. Letzteres wurde ziemlich einhellig und aus durchaus nachvollziehbaren Gründen von Kritiken zerrissen: Eine „beeindruckende Selbstüberschätzung der drei als Historiker, Jurist und Philosoph firmierenden Berliner Volkspädagogen“ konstatierte etwa die FAZ.

Logik für Demokraten“, das wesentlich anspruchsvollere Buch, hingegen wurde weniger wahrgenommen, was möglicherweise der Angst potentieller LeserInnen vor dem komplizierten Wort „Logik“ im Titel geschuldet ist. Und so kam es, dass Daniel-Pascal Zorn inzwischen seinen Ruf als philosophischer shooting Star ein bisserl verloren hat.

Der Zwang, sich selbst zu hören und zu hinterfragen

Mit einem Jahr Abstand gelesen – nach einer Brexit-Volksabstimmung, der Entzauberung der Macron-Inszenierung sowie der deutschen Bundestagswahl mit starken AfD-Gewinnen und der Nationalratswahl in Österreich sowie der daraus resultierenden ÖVP-FPÖ-Koalition – ist „Logik für Demokraten“ jedoch ein hervorragendes Buch, an dessen Kapitel Menschen sich der Frage nähern können, was eigentlich die Hilflosigkeit fortschrittlicher Positionen gegenüber Populismus und Rechtsextremismus ausmacht.

Der Autor zielt mit seinem Buch auf eine Veränderung von Gesprächsverhalten ab und zwingt LeserInnen, ihr eigenes Gesprächsverhalten und die eigenen Argumentationsmittel und -stile zu hinterfragen. Das allein ist eine große Leistung. Und eine Voraussetzung für Veränderung, wenn die Blase politischer Parolen verlassen werden soll, um die praktische Auseinandersetzung mit populistischen RechtsextremistInnen aufzunehmen und dabei erfolgreich zu sein.

Der FAZ-Schmäh von den „Volkspädagogen“ trifft Daniel-Pascal Zorn nicht ganz zu unrecht. Aber die Überwindung populistischer und rechtsextremistischer Positionen, die derzeit die Politik in weiten Teilen Europas prägen, erfordert eine Auseinandersetzung mit der Frage, was genau an der politischen Kommunikation fortschrittlicher Positionen im öffentlichen (wie auch privaten) Diskurs falsch gelaufen ist. Und dazu zwingt dieses Buch nachhaltig…

Daniel-Pascal Zorn: Logik für Demokraten. Eine Anleitung. Deckblatt Logik für Demokraten

Klett-Cotta, Stuttgart 2017. 314 S.

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Lukas Wurz