reflektive
Lohnmuffins

Der Lohnkuchen schrumpft

Sechzig Prozent der ArbeitnehmerInnen bekommen heute weniger vom Lohnkuchen, als vor 25 Jahren. Und der Kuchen ist kleiner geworden.

Dritter Teil der Serie „Die Welt von gestern“

Durch Erwerbsarbeit wird gesellschaftlicher Reichtum geschaffen. Und dieser Reichtum wird ungleich verteilt. Das Ausmaß der Ungleichverteilung und seine Entwicklung in den letzten vierzig Jahren ist aber geeignet, zu schockieren: Das Einkommensfünftel mit den niedrigsten Löhnen hat seit 1976 gut 60% seines Anteils am Lohnkuchen verloren. Im gleichen Zeitraum haben die 20% aller Beschäftigten mit den höchsten Löhnen ihr Kuchenstück um fast 20% vergrößert.

60% VerliererInnen seit 1976

Einkommen werden üblicherweise in mittleren Werten angegeben. Auf diese Weise entsteht der Eindruck, dass ArbeitnehmerInnen im Großen und Ganzen ähnliche Einkommen haben. Das mittlere Einkommen der ArbeitnehmerInnen lag etwa im Jahr 2016 bei 1932 Euro. Das täuscht über große Unterschiede hinweg: Bereits eine Aufschlüsselung nach Geschlechtern zeigt mittlere Bruttoeinkommen von Männern, die um 60% über jenen von Frauen liegen (F: 1.479 €, M: 2.382; siehe dazu hier).

Werden alle ArbeitnehmerInnen in fünf gleich große Gruppen geteilt und nach der Höhe der Einkommen gereiht, ergibt sich ein weit differenzierteres Bild: Das Fünftel aller ArbeitnehmerInnen mit den niedrigsten Einkommen verdiente im Österreich des Jahres 1976 4,8% des ausbezahlten Lohnkuchens.

Lohnkuchen 1976 Lohnkuchen 2012

Im Jahr 1987 war dieser Wert auf 5,4% angestiegen. In den folgenden 25 Jahren fiel er auf 1,9%. Das „unterste“ Fünftel der ArbeitnehmerInnen verlor also in 36 Jahren 60% seines Anteils vom Lohnkuchen und ist in der folgenden Grafik fast nicht mehr zu erkennen.Einkommensquintile seit 1976 - Tabelle 1

Einkommensdaten in Quintilen seit 1976Daten aus BMASK, Sozialbericht 2013/14, Seite 272

Keine Reallohnentwicklung über Jahrzehnte hinweg

Das von den Daten zu den Einkommensfünftel gezeichnete Bild ist erschreckend, aber auch ein wenig verzerrt: Es sind nicht immer dieselben Menschen, die etwa im Jahr 1987 und im Jahr 2012 im untersten Einkommensfünftel waren. Wer 1987 gerade studiert hat und nebenher z.B. zehn Stunden gearbeitet hat, befand sich damals im untersten Einkommensfünftel. Nach Abschluss des Studiums mag dieser Mensch jedoch deutlich aufgestiegen und nun im obersten Einkommensfünftel anzutreffen sein. Um die Entwicklung der letzten Jahrzehnte nachvollziehen zu können, ist es also auch notwendig, die Entwicklung innerhalb der verschiedenen Einkommensgruppen zu überprüfen. Wie hat sich die Kaufkraft der Einkommen entwickelt? Dazu haben wir Löhne und Gehälter seit 1997 (allerdings leider nach Einkommensquartilen, also Einkommensviertel und nicht wie zuvor nach Einkommensfünftel) inflationsbereinigt. So kann dargestellt werden, ob Löhne und Gehälter heute eine höhere Kaufkraft aufweisen, als etwa 1997. Und siehe da: Mittlere Löhne (50% aller Beschäftigten verdienen weniger als diesen Wert und 50% mehr) sind zwar nominell seit 1997 von 19.800 Euro im Jahr auf 27.000 Euro gestiegen, aber die Kaufkraft dieser mittleren Löhne ist in den letzten 20 Jahren um drei Prozent gesunken.

Löhne nach Kaufkraft seit 1997

Eigene Berechnung auf Basis von Daten der Statistik Austria: Arbeitsvolumen und Verbraucherpreisindices

Wie bereits nach Analyse der Einkommensdaten nach Einkommensfünftel seit 1976 zu vermuten war, hat das unterste Einkommensviertel weit stärker an Kaufkraft verloren, als alle anderen. Wer heute an der Obergrenze des ersten Einkommensviertel liegt (d.h., dass 25% aller ArbeitnehmerInnen weniger und 75% mehr verdienen), hat gegenüber einem Menschen, der im Jahr 1997 an dieser Stelle lag, ein Fünftel an Kaufkraft verloren. Eher überraschen mag hingegen, dass auch das dritte Quartil (75% verdienen weniger, 25% verdienen mehr) kaum an Kaufkraft gewonnen hat, nämlich nur um knapp 5%.

Wer jetzt daraus schließt, dass das oberste Einkommensfünftel einen enormen Zuwachs an Kaufkraft erfahren haben muss, liegt aber auch nicht ganz richtig. Der Anteil der Löhne und Gehälter am sogenannten Volkseinkommen (die sogenannte Lohnquote) sinkt jedenfalls seit Mitte der 1990er konstant (unterbrochen nur durch den Effekt der Wirtschaftskrise 2008). Unternehmensgewinne steigen im Verhältnis zu den Lohneinkommen erheblich an. Das bedeutet, dass der Lohnkuchen, den es zu verteilen gibt, ebenso kleiner geworden ist. Eine kurze Gegenbewegung nach Beginn der Weltwirtschaftskrise 2008 war Folge stark eingebrochener Unternehmensgewinne (und nicht etwa besonderer Lohn- oder Kaufkrafterhöhungen). Sie kann mit 2014 als beendet angesehen werden.

Grafik: Fallende LohnquoteAus: Sozialbericht 2015/16, Seite 234

Das nachhaltige Sinken der Lohnquote hat zahlreiche Ursachen: so werden Tätigkeiten, die bis in die 1990er von ArbeitnehmerInnen ausgeübt wurden, heute von Scheinselbständigen erledigt und fallen daher nicht mehr in die Lohnquote. Um etwa 180.000 Selbständige gibt es heute mehr, als Mitte der 1990er. Doch die Verschiebung von ArbeitnehmerInnen zu (Schein-)Selbständigen erklärt nur einen kleinen Teil der Entwicklung. Weit bedeutender ist die Ausweitung von Teilzeit sowie häufig unterbrochener Erwerbstätigkeit.

Was es ist: Teilzeit, Leiharbeit, Arbeitslosigkeit

Waren Mitte der 1970er 6,4% teilzeitbeschäftigt, so sind es heute fast 30% (siehe dazu: hier). Der Unterschied von fast 24% findet sich fast ausschließlich in den unteren zwei Einkommensfünftel (und bei Frauen) wieder, weil die Einkommen eben auf Grund geringerer Wochenarbeitsstunden niedriger sind. Dass Teilzeit nur sehr selten freiwillig ist, darüber hat reflektive schon berichtet.

Ein weiterer Aspekt des Auseinanderdriftens der Einkommen liegt in der Arbeitslosigkeit. Wer arbeitslos ist, erhält keinen Lohn, sondern eine Transferleistung, die nicht in die Lohnquote einberechnet wird. Im Jahr 1987 wurden etwa 540.000 Menschen in einem Jahr arbeitslos. Heute sind es knapp unter einer Million Menschen (954.000). Und diese knappe Million Menschen ist weit länger arbeitslos, als sie es früher war. Im Jahr 1976 waren (viel weniger) Menschen im Durchschnitt 42 Tage lang arbeitslos. Im Jahresdurchschnitt 2017 waren es 127 Tage. Ein erheblicher Teil des verlorenen Anteils an den Löhnen liegt also darin, dass vor allem Menschen mit geringerer Ausbildung häufig arbeitslos sind und in dieser Zeit keine Löhne beziehen sowie dass sehr viele Frauen in Teilzeit beschäftigt sind.

Dazu kommen noch zahlreiche Veränderungen im Arbeitsrecht an sich: Leiharbeit ist in Österreich erst seit 1988 legal möglich. Inzwischen werden knapp 170.000 Menschen im Jahr in etwa 400.000 Fällen überlassen. Ein Überlassungsfall dauert im Schnitt 56 Tage. 72% der Überlassungsfälle dauern kürzer als ein Monat. Im Durchschnitt sind die Arbeitskräfte für 182 Tage beim Arbeitskräfteüberlasser beschäftigt. Auch diese Menschen erhalten also mit hoher Wahrscheinlichkeit nur die Hälfte des Jahres einen Lohn. Daneben hat sich die Zahl der geringfügig erwerbstätigen Menschen deutlich erhöht (von knapp 150.000 im Jahr 1996 auf knapp 350.000 im Jahr 2017 pro Monat).

Die Erwirtschaftung des notwendigen Einkommens zum Leben teilt sich also auf zahlreiche Bereiche auf: Die unfreiwillige, aber regelmäßige Kombination von Arbeitseinkommen und Arbeitslosengeld (oder Pension) sowie von selbständiger und unselbständiger Erwerbstätigkeit wird für etwa ein Drittel der Bevölkerung zunehmend zur Norm.

Mehr Menschen arbeiten um weniger Geld

Die Konsequenz auf ökonomischer Ebene lässt sich mit einer Grafik darstellen: Noch nie zuvor waren in Österreich so viele Menschen erwerbstätig. Die Gesamtmenge der in Österreich geleisteten Arbeitsstunden pro Jahr bleibt aber weitgehend stabil. Zwangsläufige Konsequenz ist, dass die durchschnittliche Zahl der Wochenstunden sinkt. Und tatsächlich ist die Zahl der tatsächlich geleisteten Wochenstunden seit 2004 von fast 34 Wochenstunden auf knapp über 30 Wochenstunden gefallen.

Das macht etwas mit Menschen. Konnten Menschen bis in die 1980er damit rechnen, dass sie bis zur Pension durchgängig vollzeitbeschäftigt sein würden, gibt es diese Gewissheit heute nicht mehr. Existenzsicherung ist in weit höherem Maß Unwägbarkeiten ausgesetzt, als je zuvor seit Beginn der 1950er. Ein großer Teil der Teilzeitbeschäftigungen ist nicht existenzsichernd. Und die Zahl der Menschen, die beruflich abwechselnd auf mehreren Beinen stehen müssen, steigt rasant an: Mal unselbständig, mal scheinselbständig, dazwischen arbeitslos. Irgendwelche politischen Schritte zur Verbesserung dieser Situation sind nicht nur nicht in Sicht, sie wurden noch nicht einmal politisch andiskutiert. Die Folge: Dass immer mehr Menschen in ständig wiederkehrende prekäre Erwerbssituationen kommen, wird nicht hinterfragt, sondern als „normal“ betrachtet. Einem den Menschen enorm viel berufliche und persönliche Flexibilität abverlangendes Arbeitsleben steht ein darauf noch immer nicht ausgerichtetes (d.h. kompensierendes) Sozialstaats- und Arbeitsrechtsregime gegenüber.

 

 

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Lukas Wurz