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Der große Sprung: Armut in Österreich 2017 stark gestiegen

Eine kurze Führung durch die Studie der Statistik Austria zu Armut und Ausgrenzung 2017

Die Zahl der armutsgefährdeten Menschen ist gestiegen wie nie zuvor seit Beginn der Erhebungen. Besonders stark betroffen sind Kinder und Jugendliche.

Am 26. April 2018 hatte die Sozialministerin etwas Besseres zu tun: Zum ersten Mal seit zehn Jahren wurden die Zahlen zu Armut und sozialer Ausgrenzung in Österreich nicht vom zuständigen Minister bzw. der zuständigen Ministerin persönlich präsentiert. Lediglich eine Presseaussendung der Statistik Austria fand ihren Weg in die Öffentlichkeit. Das Ministerium ließ wissen, dass „erfolgreiche und präventive Maßnahmen des Sozialstaats (…) für weiterhin niedrige Armuts- und Ausgrenzungsgefährdungsquote“ sorgten. Österreich läge mit einer Armuts- und Ausgrenzungsgefährdungsquote von 18,1% „immerhin unter dem EU-Schnitt“.

Das ist eine unzulässige Behübschung des Studienergebnisses. Zwar ist der Anteil der armuts- und ausgrenzungsgefährdeten Menschen in Österreich nur leicht von 18% im Jahr 2016 auf 18,1% gestiegen, die absolute Zahl der armutsgefährdeten Menschen, also der Menschen mit einem sehr niedrigen Haushaltseinkommen, ist aber um 3,1% angestiegen. Das ist mit Abstand der stärkste gemessene Anstieg, seit es diese Form der Erhebung gibt (seit 2008). Jeder siebente Mensch, den wir auf der Straße treffen, ist armutsgefährdet. Das sind 1,25 Millionen Menschen, die in Haushalten mit einem sehr niedrigen Einkommen leben. Bei 434.000 Menschen kommen noch mehrere zusätzliche Probleme hinzu.

Entwicklung 2008 bis 2017: Das Jahr des „großen Sprungs“

Es mag einen Grund haben, dass die Sozialministerin ihren Arbeitsalltag nicht mit zu viel Daten über Armutsgefährdung in Österreich belasten will. Diese nimmt nämlich zu. Und zwar sowohl in absoluten Zahlen wie auch als Anteil der Bevölkerung (also in Prozent der in Österreich lebenden Menschen).

Waren die Zahlen in den letzten Jahren zurückgegangen, so kann das Jahr 2017 als Jahr des großen Sprungs bezeichnet werden. Um 3,1% stieg die Zahl der armutsgefährdeten Menschen an. Das liegt zwar innerhalb der statistischen Schwankungsbreite, ist aber mit Abstand der stärkste je gemessene Anstieg an armutsgefährdeten Menschen, seit mit dieser Methode gerechnet wird. Noch viel deutlicher (und weit jenseits jeder Schwankungsbreite) ist der Anstieg bei den „mehrfach Ausgrenzungsgefährdeten“. Ihre Zahl ist von 2016 auf 2017 um 19% (oder fast 70.000 Menschen) auf den historischen Höchststand von 434.000 Menschen gestiegen. Diese Menschen müssen nicht nur mit einem sehr niedrigen Haushaltseinkommen zurechtkommen, sie spüren auch sehr konkrete Folgen dieser Situation: Sie können etwa die eigene Wohnung nicht angemessen heizen, ihre monatlichen Fixkosten nicht regelmäßig bezahlen, aus Kostengründen keine medizinische Versorgung in Anspruch nehmen, keine neue Kleidung kaufen, keine Bekannten einladen, müssen auf regelmäßiges qualitätsvolles Essen verzichten oder sind nicht nur finanziell überfordert, wenn eine unerwartet hohe Rechnung ins Haus flattert.Balkengrafik zur Entwicklung von Armutsgefährdung und Mehrfach-Ausgrenzungsgefährdung zwischen 2008 und 2017

Die Ursache des Anstiegs liegt erstaunlicherweise in der wirtschaftlichen Erholung des letzten Jahres. Einkommensarmut wird an einem mittleren Wert der Netto-Haushaltseinkommen, aufgeteilt auf die einzelnen BewohnerInnen des Haushalts gemessen (das sogenannte Nettoäquivalenzeinkommen). Liegt dieser Wert unter 60% des Medians eines Landes, so gelten die Menschen in diesem Haushalt als „armutsgefährdet“. Die Jahre der Wirtschaftskrise seit 2008 waren gekennzeichnet von besonders hoher Arbeitslosigkeit und niedrigen Gehaltserhöhungen. Mit dem Anspringen der Konjunktur sinken die Arbeitslosenzahlen und steigen die Haushaltseinkommen wieder an. Aber eben nicht für alle: Wer nicht vom Wirtschaftsaufschwung profitieren kann, weil er oder sie eben vielleicht arbeitslos, Alleinerzieherin, prekär beschäftigt oder vielleicht eine alleinlebende Pensionistin ist, fällt im Vergleich zum Rest der Bevölkerung stärker zurück, als in den Krisenjahren. Es werden Menschen abgehängt. Und sie laufen Gefahr, dauerhaft und nachhaltig vom Rest der Gesellschaft abgehängt zu werden.

Besonders betroffene: Kinder, AlleinerzieherInnen, Menschen mit schlechter Ausbildung, PensionistInnen, langzeitarbeitslose Menschen

Überdurchschnittlich stark armutsgefährdet sind Kinder und Jugendliche bis 19 Jahren. Obwohl sie nur 20% der Bevölkerung stellen, sind 26% aller armutsgefährdeten Menschen in Österreich unter 19 Jahren alt (324.000 Personen). Fast jedes fünfte in Österreich lebende Kind bis 19 Jahren ist armutsgefährdet (18%). Mehr als die Hälfte der Anstiegs armutsgefährdeter Menschen von 2016 auf 2017 betrifft Kinder (nämlich entsetzliche 35.000). Gestiegen ist die Armutsgefährdung auch bei AlleinerzieherInnen. 31% aller AlleinerzieherInnenhaushalte sind armutsgefährdet (2016: 30%). Überdurchschnittlich hoch ist die Armutsgefährdung außerdem bei alleinlebenden Pensionistinnen (22%), Menschen mit befristeten Arbeitsverträgen (22%) und Menschen mit Pflichtschulabschluss als höchste anerkannte Ausbildung (22%). Letztere stellen übrigens ein Drittel aller armutsgefährdeten Menschen. Die mit Abstand höchste Armutsgefährdung gibt es unter Menschen, die länger als ein Jahr arbeitslos sind (56 % aller Menschen in dieser Gruppe sind armutsgefährdet nach 50% im Jahr 2016). Auffällig ist, dass die Gesamtgruppe der Menschen, die länger als ein Jahr arbeitslos ist, mit 166.000 im Jahresabstand praktisch unverändert blieb. Nur die Zahl der armutsgefährdeten arbeitslosen Menschen ist stark gestiegen. Oder anders gesagt: Die Armutsgefährdung verdichtet sich in ganz spezifischen Gruppen. Tabelle mit Angabe der Armutsgefährdung besonders stark betroffener Gruppen

Wer den Anstieg der Armutsgefährdung in Österreich mit den Flüchtlingen der Jahre 2015/16 zu erklären versucht, kann diese Behauptung nicht durch Fakten untermauern. Die Zahl der armutsgefährdeten Menschen ohne österreichische Staatsbürgerschaft ist nur um 12.000 gestiegen (und erklärt somit weniger als ein Fünftel der erhöhten Betroffenenzahl), ihre Armutsquote ist sogar stark gesunken. Waren im Jahr 2016 noch 40% aller Nicht-ÖsterreicherInnen armutsgefährdet, so sind es 2017 „nur mehr“ 36%.

Auch der Versuch, „NichtösterreicherInnen“ als Konkurrenz am Arbeitsmarkt darzustellen, die „ÖsterreicherInnen“ in Armut treibt, kann mit Fakten nicht gestützt werden. Kinder, AlleinerzieherInnen, Pensionistinnen und kranke Menschen haben gute Gründe, nicht in erster Linie auf den Arbeitsmarkt orientiert zu sein. Und Menschen mit schlechter Ausbildung sowie langzeitarbeitslose Menschen sind auf Grund ihrer Ausbildungssituation oder anderer Exklusionsfaktoren am Arbeitsmarkt nicht erfolgreich. Sie kommen also quasi gar nicht in die Situation, von Konkurrenz betroffen zu sein.

Welche Folgen hat Armut und Ausgrenzungsgefährdung?

Was es für die einzelnen Menschen bedeutet, armutsgefährdet zu sein, hat ein Bericht der Statistik Austria aus dem Jahr 2016 deutlich gemacht. Sie hat die Lebensbedingungen armuts- und ausgrenzungsgefährdeter Menschen in Verhältnis zu jenen der Gesamtbevölkerung gesetzt.

Sie sind mehr als doppelt so oft von Niedriglöhnen (33,9%) betroffen, wie die Gesamtbevölkerung (15%), verdienen also weniger als 60% des mittleren Stundenlohns (laut Statistik Austria 2017 9,47 brutto pro Stunde; wir von der reflektive haben jedoch einen Wert von etwa 9,90 brutto pro Stunde errechnet). Sie haben daher wesentlich häufiger mit Zahlungsproblemen zu kämpfen (14,1%), als die Gesamtbevölkerung (4,1%). 37,7% der ausgrenzungsgefährdeten Menschen müssen mehr als 40% ihres gesamten Haushaltseinkommens für Wohnen aufwenden (Gesamtbevölkerung 14,3%). Das führt dazu, dass 27,5% dieser Menschen in völlig überbelegten Wohnungen – mit weniger als einem Wohnraum pro erwachsenen BewohnerInnen und einem Raum für je zwei Kinder unter 17 Jahren – leben (Gesamtbevölkerung 6,3%). Es überrascht daher auch nicht, dass sie mit 24,8% mehr als fünf Mal so häufig in manifester Armut leben, wie die Gesamtbevölkerung (2015: 4,5%).Tabelle zur Darstellung der Betroffenheit ausgrenzungsgefährdeter Menschen von schlechten Lebensbedingungen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung

Als Konsequenz dieser Lebensbedingungen sind sie doppelt so oft von mehrfachen Gesundheitseinschränkungen betroffen, als im Bevölkerungsdurchschnitt (15,8% zu 8,9%).

Ansätze zur Verringerung von Armut und Ausgrenzung

Die Zahl der armuts- und ausgrenzungsgefährdeten Menschen steigt nicht nur, sie verfestigt sich in bestimmten Gruppen der Gesellschaft und bedroht damit die gesamte Gesellschaft. Gruppen nachhaltig ausgegrenzter Menschen, die keine realistische Chance sehen, ihre Lebenssituation nachhaltig zu verbessern und am gesellschaftlichen Reichtum teilzuhaben, haben auch keinen Grund, sich mit einer Gesellschaft verbunden zu fühlen und diese mitzutragen.

Die jährliche Studie der Statistik Austria zeigt recht deutlich, wie und wo anzusetzen wäre, um eine nachhaltige Ausgrenzung von Menschen und deren Ausklinken aus der Gesellschaft zu verhindern. Insbesondere der Zugang zu Ausbildung – ein Drittel der armutsgefährdeten Menschen im Erwerbsalter hat höchstens einen Pflichtschulabschluss – ist zu öffnen und existenziell abzusichern. Ebenso müssen Wohnkosten gesetzlich beschränkt werden, weil exorbitant hohe Mieten von 40% und mehr des Haushaltseinkommens Menschen mit niedrigen Einkommen ökonomisch überfordern und in überbelegte Wohnungen pferchen. Und schließlich müssen die Niedriglöhne von weniger als 10 Euro brutto pro Arbeitsstunde, für die fast 500.000 Menschen in Österreich arbeiten müssen, aus der Welt geschafft werden.

Die EU-SILC-Studie der Statistik Austria erhebt übrigens auch, wie viel Geld notwendig wäre, um Einkommensarmut abzuschaffen. Es ist ein geradezu lächerlich geringer Betrag von einem Prozent des BIP (also etwa 3,6 Milliarden Euro) notwendig, um Einkommensarmut in Österreich abzuschaffen. Mehr als die Hälfte dieses Betrags würde schon allein durch die Abschaffung von Niedriglöhnen aufgebracht werden. Eine zusätzliche Möglichkeit zur Verringerung der Einkommensarmut läge in einer Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich, weil auf diese Weise die Einkommen teilzeitbetroffener Frauen erhöht würde.

Aber auch die Sozialministerin will etwas gegen Armut, insbesondere gegen Kinderarmut tun, wie sie in ihrer Presseaussendung dargelegt hat. Sie verweist unter anderem auf von der Regierung geplante steuerpolitische Maßnahmen sowie auf die geplanten Änderungen bei der Mindestsicherung. Beides erscheint ein wenig schräg: Die Bundesregierung will die Mindestsicherung – gerade bei kinderreichen Familien – kürzen. Schwer vorstellbar, wie das die Armut von Kindern reduzieren soll. Und mit den steuerrechtlichen Maßnahmen muss wohl der sogenannte „Familienbonus“ gemeint sein. Von dem aber können armuts- und ausgrenzungsbedrohte Familien oder AlleinerzieherInnen nicht profitieren, da er erst ab einem monatlichen Bruttoeinkommen von mindestens 2.000 Euro vollständig in Anspruch genommen werden kann.

Damit bleibt das Bild des Abhängens, dass durch die zwei angesprochenen Maßnahmen noch verstärkt wird.

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Lukas Wurz