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Allright, Madeleine!

Zwei Mal in ihrem Leben musste Madeleine Albright vor Diktaturen flüchten. Mit Information, Analyse und einer Checklist warnt sie in ihrem neuen Buch vor antidemokratischer und nationalistischer Politik.

„Jedes Zeitalter hat seinen eigenen Faschismus“. Mit diesem Zitat des Schriftstellers und Holocaustüberlebenden Primo Levi startet das neue Buch von Madeleine Albright. Als ehemalige USA-Außenministerin und davor US-Botschafterin bei der UNO hat sie die Politik der letzten Jahrzehnte hautnah miterlebt und mitgestaltet. Dabei hat sie mit so manchen, die Demokratie nicht hochhaltenden Politikern zu tun gehabt: Erdogan, Orban, Putin, Milosevic, Kim-Jong-il. In gewisser Weise habe Trump „als erster antidemokratischer Präsident“ ihr den letzten Impuls gegeben, ein Buch über den Faschismus der letzten 100 Jahre zu schreiben.

Politische Großwetterlage: Von Mussolini bis Trump

Das Buch spannt einen Bogen über die großen politischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts. Ausgehend vom aufkommenden Faschismus in Italien unter Benito Mussolini wird der Aufstieg Hitlers beschrieben. Die jungen europäischen Demokratien konnten den faschistischen Entwicklungen nicht standhalten und mehrere politische und wirtschaftliche Krisen führten schließlich zum Ende der demokratischen Strukturen in vielen europäischen Ländern. Jedes Kapitel handelt von einem Land zum Zeitpunkt des Aufstiegs von (ausgewählten) undemokratischen Machthabern. Es zeigen sich dabei viele Ähnlichkeiten in den Biographien der autoritären Führungspersönlichkeiten oder auch in der Beschaffenheit der politischen Strukturen, wenn auch gleich es aufgrund der verschiedenen Ländergeschichte andere Hebel für nationalistische Profiliierungen  gibt.

Zweimal Flüchtling in der Kindheit

Marie Jana Korbelová, so Albrights ursprünglicher Name, hatte gute Chancen, ein politischer Mensch zu werden. Als sie eineinhalb Jahre war, flüchtete ihre Familie aufgrund des Einmarsches der deutschen Wehrmacht von der damaligen Tschechoslowakei nach England. Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs ging die Familie für wenige Jahre wieder in die alte Heimat zurück und später nach Belgrad, wo ihr Vater Botschafter war, um dann ein zweites Mal – als die Kommunisten die Macht übernahmen – in die USA zu emigrieren. Als US-Außenministerin war Madeleine Albright in der zweiten Amtsperiode von Bill Clinton aktiv, danach als Uni-Professorin u.a. mit dem Spezialgebiet Osteuropa. Noch heute ist sie mit ehemaligen AußenpolitikerInnen vernetzt und setzt sich für ein Mehr an außenpolitischer Zusammenarbeit ein. Das Buch ist gut recherchiert und eine gelungene Mischung aus Zeitgeschichte, Schilderungen persönlicher und politischer Begegnungen und einer umfassenden Einschätzung des Weltgeschehens. Hier treffen außenpolitische Anekdoten, Fachwissen und Altersweisheit zusammen und machen das Buch lesenswert.

Wo sind die Zündler?

Insgesamt ist in den letzten vier Jahrzehnten die Anzahl der Staaten, die die Bezeichnung Demokratie verdienen, gestiegen. Ende der 1980iger Jahre waren es 35 Länder, kurze Zeit später, auch dem Ende des kalten Kriegs geschuldet, mehr als 100 Staaten. Doch trotz dieser positiven Geschichte sind die Grundstrukturen von Demokratien aktuell immer wieder in Bedrängnis: ob in Europa, in der USA oder sonst in der Welt. Die Methoden, mit denen demokratische Werte ausgehöhlt werden, sind, wenn man den einzelnen Kapiteln folgt, recht ähnlich  – als kämen sie aus Guidelines für Neo-DiktatorInnen und Anti-DemokratInnen:

  • Zentralisierung von Entscheidungen durch Fokussierung auf autoritäre Führungsgestalten,
  • skrupelloser Machtausbau durch Änderung der Verfassung,
  • Gleichschaltung der Medien,
  • Brot und Spiele-Politik (Talent zum Spektakel) zu Beginn,
  • Nationalismus mit dem Anspruch, für das ganze Volk zu sprechen („wir gegen sie“)
  • Vergangenheitsorientierung: Heraufbeschwörung einer guten alten Zeit, als auch
  • paramilitärische Schlägertrupps zur Einschüchterung und Bedrohung von Andersdenkenden.

Abright nennt einen weiteren Aspekt, an dem FaschistInnen zu erkennen sind, nämlich den Umgang mit Waffengewalt. Während in der Regel Regierungen versuchen, Konflikte ruhig zu halten, zündeln FaschistInnen Kämpfe an. Das Buch macht ebenso deutlich, dass sich antidemokratische MachthaberInnen von anderen Anti-DemokratInnen inspirieren und leiten lassen, ja sogar gut miteinander im Austausch stehen. Um als BürgerInnen gegenwärtige politische Entwicklungen  zu hinterfragen, zeigt das Buch einige Lösungswege auf.

Raus aus der Ungeduld!

Albright sieht in den gesellschaftspolitischen Umbrüchen, hervorgerufen durch eine globalisierte Welt, die Rat- und Orientierungslosigkeit oder auch Wut und Unzufriedenheit mit der eigenen Situation erzeugen, einen zentralen Ausgangspunkt. Ungeduld, dass ein Problem sofort gelöst werden muss, verschafft den komplexen Problemen vereinfachte (Schein)Lösungen, die wiederum lautstark getrommelt werden. Aber warum erwarten wir uns einfache Antworten? „Bill Clinton meinte einmal, wenn Menschen sich unsicher fühlten, ließen sie sich eher von einem starken Führer leiten, die das Falsche tun, als von schwachen, die das Richtige tun“.

Richtige Fragen stellen!

Am Ende wirft Albright einige Fragen auf, die zur Einschätzung von PolitikerInnen dienen können. Zum Beispiel, ob von einem Politiker/einer Politikerin Symbole des Patriotismus ausgebeutet werden; ob PolitikerInnen, die Wahlen verlieren, das Wahlergebnis akzeptieren, ohne eine Verschwörungstheorie aufzustellen; ob der Versuch gemacht wird, das Vertrauen in die unabhängige Presse und Justiz zu zerstören. Diese Art von Checkliste kann dabei helfen, demokratische und anti-demokratische MachthaberInnen zu unterscheiden. Eine wichtige Aufgabe, die wir als Gesellschaft angehen sollten.

 

Madeleine Albright (2018): Faschismus. Eine Warnung. Köln: Dumont Verlag.

 

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Anna Schopf